Touristik-Branche ist verunsichert
Preussag-Aktie in der Krise

Die Touristik-Branche ist verunsichert wie nie. Experten sprechen von einer Krise. Insbesondere der Marktführer Preussag schweigt seit einigen Wochen beharrlich. Der Aktie des Dax-Wertes hat dies nicht geholfen.

Reuters HANNOVER. Seit ihrem Jahreshoch am 7. März von knapp 36 Euro fiel sie inzwischen auf nur noch gut 32 Euro. Man habe sich eine "quiet period" - zu deutsch: stille Phase - verordnet, hieß es zuletzt in der Konzernzentrale. Das Schweigen soll diesen Donnerstag auf der Bilanzpressekonferenz ein Ende finden. Anleger, Analysten und Konkurrenten blicken gespannt nach Hannover. Zeitgleich mit der Lufthansa werden von Preussag nicht nur erstmals die Geschäftszahlen für 2001 erwartet, sondern mehr noch Aussagen zum laufenden Jahr und zur in der Touristik alles entscheidenden Sommersaison.

Die aktuelle Situation ist für die wachstumsverwöhnte Reisewirtschaft neu. Nach der Welle der Konsolidierung, aus der Preussag und Thomas Cook als führende europäische Anbieter hervorgingen, befindet sie sich in ihrem wohl bislang schwierigsten Jahr. Nach den Anschlägen in den USA brachen die Buchungen im vorigen Herbst ein wie noch nie. Auch wenn es seit Februar wieder aufwärts geht, liegen die Buchungen für die Sommersaison noch immer deutlich gut zehn Prozent unter Vorjahr. Allmählich müssen Entscheidungen über Kapazitätsabbau bei Flügen und Hotels fallen. Preussag-Chef Michael Frenzel ließ Mitte März auf der Internationalen Tourismus-Börse verlauten, es laufe eine Aufholjagd, die Buchungseingänge lägen teilweise über Vorjahr. Preisrabatte für Familien sollten die Nachfrage ankurbeln. Aber gerade Familien würden weiter zurückhaltend buchen, sagt Analyst Christian Obst von der Hypovereinsbank.

So werden also die bislang noch nicht bekannten Bilanzzahlen für 2001 geschäftsmäßig zur Kenntnis genommen werden, sofern sie im Rahmen der Erwartungen von Branchenanalysten liegen. Die elf von Reuters befragten Analysten rechnen im Durchschnitt für 2001 mit einem nur leichtem Zuwachs beim Umsatz von 2,5 Prozent auf 22,4 Milliarden Euro und beim Ergebnis um gut sieben Prozent auf knapp 800 Millionen Euro. Der Nettogewinn dürfte der Prognose zufolge aber etwa 17 Prozent auf 335 Millionen Euro sinken. Das im vorigen April genannte Ziel, das Betriebsergebnis um 20 Prozent auf 900 Millionen Euro zu steigern, hatte Konzernchef Frenzel angesichts der Einbußen nach den Anschlägen vom 11. September und der insgesamt schlechten Weltkonjunktur bereits vor Jahresfrist aufgegeben.

"Entscheidender als die Bilanz für 2001 ist der Ausblick auf das laufende Jahr", sagt Raimon Kaufeld von der DZ Bank. "Ich gehe davon aus, dass Preussag in der Touristik das Ergebnis des Vorjahres nicht ganz halten kann. Aber es wird kein Desaster geben." Dem pflichtet auch Christian Obst bei. Es zeichne sich trotz einiger Rabatte kein allgemeiner Preiskrieg ab. "Alle großen Veranstalter schauen auf ihre Rendite." Der Reisekonzern Thomas Cook war indes - wieder einmal - schneller. Dessen Chef Stefan Pichler verkündete Ende voriger Woche als erster der Branche für den Sommer einen Kapazitätsabbau europaweit von rund zehn Prozent. Prompt fiel am Freitag die Preussag-Aktie um zeitweise bis zu 2,5 Prozent.

So erwarten die Analysten von Preussag jetzt für 2002 Aussagen darüber, ob sich der Konzern in seiner wichtigsten Sparte Touristik weiter stärker als der Markt einschätzt. Eine andere Frage ist, welche Risiken der Tod deutscher Touristen nach der Explosion auf der tunesischen Urlaubsinsel Djerba vom Marktführer gesehen werden. Cook-Chef Pichler sieht vorerst keine negativen Auswirkungen. Auch die durch den mutmaßlichen Anschlag betroffene Preussag-Tochter TUI glaubt nicht an eine zusätzliche Verunsicherung. "Das Buchungsverhalten hat sich verändert, die Leute buchen kurzfristiger. Und der Vorfall auf Djerba war jetzt sicher nicht förderlich", sagt dagegen Robert Gülpers vom Bankhaus Sal. Oppenheim.

Die Unsicherheit in der Touristikbranche spiegelt sich auch in den stark abweichenden Bewertungen der Preussag-Aktie nieder. Das Rating für den Dax-Wert reicht derzeit von "Kaufen" bei der Hypovereinsbank bis zu "Untergewichten" bei Morgan Stanley und "Verkaufen" bei der DZ Bank. Manche Experten würden sich mehr Offenheit bei Preussag wünschen. Analyst Obst: "Man kann sich schon fragen, warum der Marktführer nicht auch die Meinungsführerschaft in der Touristikbranche erreicht."

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