Touristik
Gericht hebt Übernahmeveto für Reisemarkt auf

EU-Urteil kann Konzentration in der Touristikbranche beschleunigen. An der Londoner Börse indes sorgte das Urteil für neue Fusionsphantasien.

and/ebe LONDON. Mit der Aufhebung eines Übernahmeverbots am britischen Reisemarkt hat der Europäische Gerichtshof gestern möglicherweise den Weg für eine weitere Konzentration in der europäischen Touristikbranche frei gemacht. Zwar rechnen Branchenexperten dennoch nicht damit, dass die britischen Reisekonzerne My Travel (früher Airtours) und First Choice einen zweiten Anlauf für einen Zusammenschluss nehmen. An der Londoner Börse indes sorgte das Urteil für neue Fusionsphantasien: "Es gibt Hoffnung, dass der Deal wieder aufleben könnte", erklärte ein Händler die Freudensprünge beider Aktien. Bis zum Nachmittag stiegen die Kurse von My Travel und First Choice um jeweils rund 7 %.

Die aktuell schwache Verfassung des Reisemarkts spricht jedoch gegen teure Übernahmen. Erstmals seit Jahren des Wachstums droht die Branche in ein Buchungsloch zu fallen. MyTravel hat die Märkte kürzlich mit einer drastischen Gewinnwarnung schockiert.

Auf neue Übernahmeverhandlungen angesprochen, äußerte sich ein Konzernvertreter gestern zurückhaltend: "Die Situation hat sich seit 1999 völlig verändert, beide Firmen sind heute ganz andere", sagte der Sprecher von My Travel. Das Unternehmen ist mit einem Umsatz von 8,2 Mrd. Euro (2001) die Nummer zwei in Europas Reisebranche hinter Preussag.

Auch First Choice, derzeit die Nummer vier in Großbritannien nach Thomson (Preussag), MyTravel und Thomas Cook, bekräftigte seine Strategie, unabhängig zu bleiben. Die deutschen Konkurrenten Preussag und Thomas Cook hielten sich bezüglich einer möglichen Übernahme von First Choice ebenfalls bedeckt. Auch ihnen macht die schwache Marktlage zu schaffen. Beide erklärten, man sehe sich in Europa und insbesondere in Großbritannien bereits gut positioniert. Dass vor allem Preussag-Chef Michael Frenzel die Entwicklung mit Argusaugen betrachtet, liegt indes auf der Hand: Bei einer Fusion von MyTravel und First Choice würde Preussag die Marktführerschaft im wichtigen britischen Markt wieder verlieren.

Die Touristikbranche in Europa sorgte in den vergangenen Jahren durch eine riesige Übernahmewelle für Schlagzeilen. Deutsche Konzerne griffen dabei vor allem auf der britischen Insel kräftig zu: Allein Preussag zahlte nach einer Übernahmeschlacht mit seinem deutschen Rivalen C&N (jetzt Thomas Cook) stolze 6 Mrd. DM für den größten britischen Anbieter Thomson Travel. C&N, die gemeinsame Touristiktochter von Lufthansa und Karstadt Quelle, schnappte sich derweil den Erfinder der Pauschalreise, Thomas Cook.

Diese dicken Happen sind zwar erst einmal zu verdauen, dennoch schließen Branchenexperten weitere Übernahmen nicht aus. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs könnte den Konzentrationsprozess in der Branche weiter beflügeln. Die britische MyTravel jedenfalls reagierte mit Genugtuung auf den späten Richtungswechsel: "Die Entscheidung ist wichtig, weil sie Klarheit in die Rahmenbedingungen der europäischen Übernahmeregeln bringt", erklärte Vorstandschef Tim Byrne. Ähnlich reagierte Preussag: "Wir begrüßen die Entscheidung im Sinne von mehr Wettbewerbsfreiheit", hieß es aus Hannover. Preussag hatte wiederholt Interesse an dem Schweizer Touristikkonzern Kuoni signalisiert, sofern sich die bisher komplizierte Eigentümerstruktur mit einer einflussreichen Stiftung verändern würde. Mit der EuGH-Entscheidung könnte eine solche Akquisition wettbewerbsrechtlich möglicherweise einfacher werden.

Quelle: Handelsblatt

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