Touristikunternehmen und Medienkonzerne entdecken das Reisefernsehen als lukrative Marktnische
Rennen um das TV-Geschäft mit dem Fernweh

Reiseveranstalter und Medienkonzerne wittern ein Milliardengeschäft mit dem Verkauf von Pauschalreisen am Fernsehschirm. Doch ob der Konsument mit spielen wird, ist noch nicht klar. Der Reiseverkauf über das Internet hat die Branche bisher schlichtweg enttäuscht.

DÜSSELDORF. Lust auf Südsee, Seychellen oder Saudi-Arabien? Gut zehn Millionen Fernsehzuschauer können ab 1. Juni ihre liebsten Ferienparadiese schon mal vom Wohnzimmer aus unter die Lupe nehmen. Der deutsche Ableger des britischen Reiseshopping-Kanals TV Travel Shop geht in dieser Woche erstmals auf Sendung: 24 Stunden rund um die Uhr, sieben Tage die Woche: Wohin das Auge blickt - nur Sommer, Sonne, Strand und Meer.

Was böse Zungen als "Butterfahrt-TV" verspotten, lässt die Touristikindustrie von einem kleinen Goldrausch träumen: "T-Commerce" oder Transaktionsfernsehen heißt das Zauberwort, das Reiseveranstaltern wie Fernsehsendern einen neuen Vertriebskanal eröffnen soll. Der nächste Sommerurlaub soll nicht mehr im Reisebüro, sondern vom Fernsehsessel aus gebucht werden. Brancheninsider gehen davon aus, dass von den 40 Mrd. DM Umsatz mit Reisen rund 1 Mrd. DM mittelfristig auf den Vertriebsweg Fernsehen entfallen wird. "T-Commerce wird der Reisebranche neuen Wachstumspotenziale eröffnen", glaubt Gunther Holzschuh, Geschäftsführer der Via1 GmbH. Das Hamburger Unternehmen ist seit März 2000 auf Sendung und damit Deutschlands erster Reiseshopping-Kanal.



Auf der britischen Insel klappt das Geschäft bereits ordentlich: Brancheninformationen zufolge erwartet der englische Muttersender von TV Travel Shop Germany, Travel Shop, für das Geschäftsjahr 2000/01 einen vermittelten Reiseumsatz von 600 bis 700 Mill. DM. "In England hat jeder Fünfte schon mal am Fernseher eingekauft, in Deutschland erst zwei Prozent. Daran sieht man das Potenzial", sagt Rainer Ortlepp, Geschäftsführer der deutschen Travelshop-Tochter.



Finanzieren will sich TV Travelshop über Verkaufsprovisionen, die zwischen 10 und 14 % liegen sollen und damit im oberen Bereich dessen, was Reisebüros erhalten. In der Branche gilt ein Jahresumsatz von etwa 300 Mill. Mark als kostendeckend. Nahezu ein Dutzend Veranstalter sind beim Start von TV Travelshop dabei. Doch während die Medienkonzerne in Euphorie schwelgen, geben sich die Reiseveranstalter vorsichtig: Sie wurden schon vom Internet enttäuscht. Bisher macht E-Commerce nicht einmal ein Prozent des Umsatzes aus.



"Das Fernsehen ist ein ideales Medium, um Emotionen zu wecken. Allerdings wird es spannend zu sehen, ob die Deutschen bereit sind, derart hochpreisige Produkte auch übers Telefon zu bestellen", wägt TUI-Geschäftsführer Norbert Munsch ab. Der Touristik-Marktführer aus dem Preussag-Konzern hat sich dennoch vorsorglich mit 25 Prozent an TV Travelshop Germany beteiligt. Für die RTL Group ist das Einkaufsfernsehen Teil der TV-Strategie. Markus Payer, Sprecher der Luxemburger Holding, spricht von "strategischer Weichenstellung" durch die Gründung des RTL Shops. Transaktionfernsehen sei die Vorstufe zum interaktiven TV. Heinz Scheve, Chef der RTL Shop GmbH, erklärt: "Reisen sind eine Abrundung der Produktpalette." RTL Shop startet im Juni ein Reiseprogramm.



Ausgerechnet ein Pionier des Einkaufsfernsehens will sich vom Reisegeschäft aber fern halten: QVC. QVC-Sprecherin Andrea Gerards: "Wir verkaufen keine Dienstleistungen. Wir verkaufen Produkte." Bei Reisen lasse sich zudem die Qualität schwer überprüfen.



Schon jetzt scheint zudem klar,dass nicht alle Neulinge überleben werden: Vor zehn Jahren gab es in den USA noch zahlreiche Shopping-TV-Anbieter. Am Ende blieben nur zwei übrig: QVC und Home Shopping Network.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%