Touristikveranstalter und Fluggesellschaften stehen vor einem schwierigen Jahr
Reisebranche hofft sehnsüchtig auf positive Signale

Tief verunsichert geht die Touristikbranche ins neue Jahr. Niemand weiß, wann die Reiselust wieder auflebt wie vor dem Terror in Amerika. Im Luftverkehr rechnen Fachleute mit weiteren Airline-Pleiten.

DÜSSELDORF. Mitten im grauen Berliner Winter ist sie seit Jahrzehnten eine prallbunte Verführung. Sie lockt mit Palmen und Meer, mit Atem beraubenden Regionen und mit exotischen Abenteuern rund um den Erdball. Jahr für Jahr konnte die Internationale Tourismusbörse (ITB) unter dem Funkturm mit immer neuen Superlativen aufwarten. Doch die nächste weltgrößte Schau der Reisebranche, terminiert vom 16. bis zum 20. März 2002, steht bereits jetzt im Schatten der Terroranschläge des 11. September und ihrer Folgen. Ausgerechnet prominente große deutsche Aussteller, angeführt von der Deutschen Lufthansa, werden auf der nächsten ITB nicht vertreten sein. Ihnen ist das alljährliche Spektakel, das mehr der Imagepflege denn der konkreten Verkaufsförderung dient, vor dem Hintergrund ihrer wirtschaftlichen Probleme schlichtweg zu teuer.

Neben der Kranich-Airline verzichten auch die Nummer 2, 3 und 4 der Reiseveranstalter auf den Auftritt in Berlin: die Thomas Cook AG, Gemeinschaftstochter von Karstadt/Quelle und Lufthansa, die Reisetöchter der Rewe Touristik, ITS und Dertour, und schließlich FTI, die ohnehin von roten Zahlen belastete deutsche Tochter des britischen Touristikkonzern Airtours. Zwar beeilte sich die Berliner Messe mit dem Hinweis, dass sich etwa 10 000 Aussteller aus 180 Ländern angemeldet hätten, doch in der Reisebranche befürchten Pessimisten bereits ein weiteres Abbröckeln der Ausstellerfront.

Von den deutschen Großveranstaltern will nur Branchenführer TUI auf der ITB weiter Flagge zeigen. "Wir wollen ein Zeichen setzen", sagte ein Sprecher der Konzernmutter Preussag. Allerdings ist von einer ursprünglich geplanten Ausweitung der in den letzten Jahren ohnehin reichlich repräsentativen TUI-Burg auf der Messe nicht mehr die Rede: Reduzierter Auftritt, Kosten sparen – das sind die aktuellen Stichworte.

Sie gehen quer durch die Reisebranche, von den Veranstaltern bis zu den Fluggesellschaften, von den Reisebüros bis zu den Hoteliers. Die Terroranschläge haben den Menschen weltweit die Reiselust verdorben. Wie sehr und wie lange – das ist die Frage, die niemand mit Bestimmtheit beantworten kann. Es regiert das Prinzip Hoffnung. Die Touristiker wissen schon heute, dass ihnen die laufende Wintersaison verhagelt ist. Die dramatischen Buchungsrückgänge nach den Anschlägen seien bei weitem nicht ausgeglichen, konstatierte kürzlich Klaus Laepple, Präsident des Deutschen Reisebüro und Reiseveranstalterverbands DRV und Inhaber eines Düsseldorfer Reisebüros. Zwar hat die Branche im letzten Jahr noch einmal zulegen können, doch rechnet sie nach einer langjährigen Erfolgsstrecke nicht mit weiteren Zuwächsen – auch nicht im Sommerhalbjahr, das bei den meisten Unternehmen zwei Drittel des Jahresgeschäfts bringen muss.

Reisepläne seien nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben

Nur vereinzelt haben sich in den letzten Wochen Touristiker getraut, wenigstens vorsichtigen Optimismus zu zeigen. Reisepläne seien nicht aufgehoben, nur aufgeschoben, hofft beispielsweise Norbert Fiebig, Finanzchef des zum Rewe-Imperium gehörenden Veranstalters Dertour. Pessimistisch zeigt sich dagegen Stefan Pichler, Vorstandschef von Thomas Cook, der Personalabbau und Reisebüroschließungen anordnete. In der Branche, die sehnsüchtig auf positive Signale wartet, musste er sich allerdings vorhalten lassen, er nutze die Schatten der Krise für ohnehin allfällige Restrukturierungsmaßnahmen bei der aus dem Ferienflieger Condor und dem Reiseveranstalter Neckermann hervorgegangenen Gesellschaft.

Für den internationalen Luftverkehr haben sich die Folgen der Terroranschläge zu einer Krise im nie da gewesenen Ausmaß aufgetürmt. Ein Ende scheint nicht absehbar. "Die letzten Luftverkehrsdaten zeigen eine weiterhin anhaltende Schwäche in allen Regionen der Erde", beschreibt eine aktuelle Studie der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers die Situation. Bestätigt wird sie durch die wöchentlichen Passagier-Zählungen der Association of European Airlines (AEA). International ist danach das Fluggastaufkommen seit dem 10. September, verglichen mit dem Vorjahres-Zeitraum, um fast 20 % zurückgegangen, im Nordatlantik-Verkehr sogar um ein Drittel. Das Prinzip Hoffnung bleibt auch hier: Im Vergleich von Woche zu Woche stabilisieren sich die Passagierzahlen ganz allmählich – aber auf niedrigem Niveau.

So stehen den Fluggesellschaften weiterhin schwere Zeiten bevor, auch wenn sie längst mit reduzierten Flotten auf drastischem Sparkurs fliegen. Die Krise beschleunigte den Absturz von Swisssair, Sabena und der australischen Ansett in die Pleite. Es werden nicht die letzten Zusammenbrüche sein, erwarten die US-Banker. Bei ihnen heißt es lapidar: "Wir rechnen mit vielen weiteren Konkursen."

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