Traders Corner
Trichets Tugenden

Stellen Sie sich einen Job vor, der hauptsächlich daraus besteht, hin und wieder etwas in der Öffentlichkeit zu sagen, das möglichst nichts sagend ist. Und wenn man aus Versehen doch etwas gesagt hat, muss man gleich nachschieben, dass es so nicht gemeint war.

Nur ganz selten muss man tatsächlich etwas tun – aber dann regen sich alle darüber auf. Für diese schwierige Aufgabe bekommt man ein gutes Gehalt und hat einen riesigen Stab von Experten als Unterstützung.

Wenn Ihnen so ein Job zusagt, sollten Sie Notenbankpräsident werden. Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank, wird morgen zum ersten Mal in seiner Amtszeit überhaupt etwas an den Zinsen verändern. Bisher hat er nur darüber geredet, dass er die Zinsen verändern könnte, würde, sollte, dürfte oder besser doch nicht täte und so weiter. Jetzt will er sie erhöhen. Das hat er erstaunlich deutlich angekündigt um gleich nachzuschieben, dass man das nicht überbewerten sollte.

Dass Trichets Ankündigung so hohe Wellen schlägt, ist erstaunlich. Denn im Grunde versucht er doch nur, es allen Recht zu machen. Er erhöht jetzt die Zinsen, weil er nicht mehr daran vorbeikommt – schon angesichts der Zinsdifferenz zu den USA, auch wenn das nicht die offizielle Begründung ist. Aber er wird sich nicht zu schnell zu weit bewegen, damit ihn die europäischen Politiker nicht als Sündenbock für die lahme Konjunktur abstempeln können.

Im Grunde ist Trichet ein unglaublich langweiliger Geldpolitiker. Er verändert möglichst wenig, redet in vorgestanzten Formulierungen, sogar seine Gesten bleiben ewig gleich.

Aber ist diese Langeweile von Übel? Nein. Die glücklichsten Epochen der Geschichte sind die, die nicht in den Geschichtsbüchern vorkommen. So ähnlich ist es in der Geldpolitik: Je besser sie funktioniert, desto weniger merkt man davon. Trichet sollte nach dem Zinsschritt schnell wieder die Tugend der Langeweile pflegen.

Nur in einem Punkt versucht die Europäische Zentralbank, nicht langweilig zu sein: mit ihrem neuen Gebäude in Frankfurt. Es besteht aus zwei gläsernen, in sich gewundenen Türmen, die nach den Worten des Architekten die Tugenden der Geldpolitik verkörpern sollen. Nun, gläsern sind die Aussagen der Geldpolitiker selten – gewunden sind sie allemal.

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