Traditionelle Firmen tun sich schwer
Das Du gehört immer öfter zur Unternehmenskultur

Über die richtige Anrede am Arbeitsplatz herrscht in den deutschen Unternehmen keine Einigkeit. Obwohl in vielen Branchen längst üblich, wird Duzen nicht immer als Vorteil empfunden.

Die Kollegen sind entsetzt. Ohne Ausnahme duzt der neue Direktor der Deutschen Bank alle Mitarbeiter. Michael Altenburg setzt sich damit einfach über die Regeln des Anstands hinweg. Außerdem möchte er ebenfalls geduzt werden. "Wie sollen denn da Autorität, Disziplin und die Hierarchie aufrecht erhalten werden?", wird er bestürzt gefragt. Eine Szene, typisch für deutsche Unternehmen in den 70er Jahren.

Heute ist dagegen in vielen Abteilungen der großen Banken das Du selbstverständlich. "Duzen ist jedenfalls im Investment Banking absolut üblich", sagt Altenburg, heute selbstständiger Unternehmensberater. "Gerade im Handelsbereich ist ein schneller und unkomplizierter Umgang wichtig", begründet Renate Christ, Sprecherin der Dresdner Bank in Frankfurt am Main, diese Entwicklung. Aber auch andere Branchen ziehen mit. Ohne viele Umstände will man dort mit internationalen Geschäftspartnern einig werden.

Das englische "Du" zu übernehmen und sich wie in den USA mit dem Vornamen anzureden liegt nahe. Gerade "kreative" Branchen wie Werbe- und PR-Agenturen, Presse, Funk und Fernsehen und Softwarefirmen haben sich längst arrangiert. "Eines Tages ging eine Mail an alle Mitarbeiter, dass sich alle mit Vornamen anreden sollen", erinnert sich Jochen Keller vom Personalmarketing bei SAP in Walldorf. Die Mitarbeiter hätten das gut gefunden - 80 Prozent der Kollegen hätten sich sowieso geduzt. Auch bei Personal- und Unternehmensberatungen wird konsequent geduzt. Dort gehört das "Du" im gegenseitigen Umgang gewissermaßen zum täglichen Leben wie das Salz zur Suppe. "Das ist Teil der Beraterkultur", sagt Antonio Schnieder, CEO für Zentraleuropa bei Cap Gemini Ernst & Young in Stuttgart. Er ist für seine Mitarbeiter immer der "Antonio". "Eine Frage der Gewöhnung", meint er. Nur in Anwesenheit traditionellerer Kunden schalte man auf "Sie" um.

"Du" per Anordnung

In vielen Firmen wird das "Du" sogar offiziell angeordnet. So bei skandinavischen Unternehmen wie Nokia, Hennes & Mauritz (H&M) oder Ikea. "Das ist der Nokia-Way", sagt Birgit Opladen, Unternehmenssprecherin bei Nokia Deutschland. "Englisch ist Unternehmenssprache und legt daher auch die Anredeform fest. Wir führen täglich Videokonferenzen mit ausländischen Kollegen oder telefonieren mit ihnen, da können wir nicht immer zwischen Du und Sie wechseln", begründet sie das "Du per Anordnung".

Ist das Du Teil der Unternehmenskultur, müssen sich alle Mitarbeiter anpassen. Das konnte auch ein unzufriedener Mitarbeiter von Hennes & Mauritz nicht ändern. Nach zwei Jahren Duzerei hatte er genug und zog vor Gericht. Er verlor. Das "Du" sei zum Inhalt des neuen Arbeitsverhältnisses geworden und stelle daher keine Verletzung seines Persönlichkeitsrechts dar, so die Begründung der Richter.

Nirgendwo ist den Mitarbeitern das "Du" jedoch so in Fleisch und Blut übergegangen wie bei jungen Startup-Unternehmen. Gerade der Ehrgeiz, etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen und Erfolg zu haben, schweißt sie zusammen und erfordert auch die gemeinsame Auseinandersetzung. "Es ist eine Philosophie, Konflikte an sich heranzulassen", sagt Cord Stähler, Vorstandsvorsitzender der Febit AG in Mannheim. Beim Biotechnologiehersteller würden Konflikte ohne große Rücksicht direkt und offensiv ausgetragen. "Ich habe kein Problem mit der Aussage: He, das war Mist", so Stähler. Es sei eine Frage des Selbstbewusstseins und erziele seine Wirkung. Das Sie sei doch nur ein Habitus, hinter dem sich viele Bosse zurückziehen.

Oft geht der Schuss auch nach hinten los

Das sieht Max Zimmermann, Geschäftsführer bei Fiftyeight in Wiesbaden, ähnlich. Die Firma produziert 3-D-Animationen für Fernsehen, Spiele und Film. Die 16 Mitarbeiter sind im Durchschnitt 27 Jahre alt. "Wir machen uns oft über die deutsche klassische Anrede lustig", meint er. Dann werde in Besprechungen vom "Mister" plus Vorname geredet.

Doch nicht immer vereinfacht das Duzen in deutschen Firmen den gegenseitigen Umgang, denn vielfach geht der Schuss nach hinten los. Gerade in traditionellen Unternehmen, die sich vom "Sie" nicht so schnell verabschieden möchten, gerät das Anredeverhalten manchmal zur absurden Vorstellung. "In Conference Calls spricht man mit Vertretern ausländischer Töchter von ?Klaus?, innerhalb der Firma aber weiterhin vom ?Herrn Müller?", beschreibt T-Mobil-Sprecher Philipp Schindera die Situation. Die T-Mobil habe sich noch nicht durchringen können, das "Du" per "Ordre de Mufti" vorzuschreiben. Auch große Konzerne wie BMW in München oder der TÜV Rheinland/Berlin-Brandenburg können es sich im Traum nicht vorstellen, das "Du" von oben zu verordnen.

Nähe kann Austragen von Konflikten erschweren

Unternehmensberater Walter Rosenberger aus Leonberg sieht im Duzen gar eine Gefahr für das Unternehmen. "Die Nähe macht es schwer, Konflikte auszutragen", sagt er. Das "Sie" sei für das Geschäftliche unerlässlich. Petra Schubert, Bereichsleiterin und Partnerin der Human Resources Management bei Kienbaum Management Consultants in Gummersbach, beobachtet sogar einen Trend zur Wiederkehr des "Sie". "Durch den Absturz der New Economy ist auch das Duzen und die ganze Kumpelhaftigkeit in Frage gestellt", sagt sie. Beim Duzen sieht sie das Problem, dass Hierarchien verschwimmen. Beim Siezen sei dagegen klar, wer den Ton angebe. Zimmermann ist da ehrlich. "Man muss zusehen, dass man beim Duzen als Profi ernst genommen wird", gibt er zu.

Doch diese Schwierigkeiten lassen sich vermeiden. Entscheidend ist, gewisse Regeln beim Anredeverhalten einzuhalten, die Distanz und Respekt gewährleisten. "Das Du bedeutet ja nicht, dass man sich in den Armen liegt. Es ist entscheidend, dass das Du nicht herablassend ist", sagt dazu Heinz Commer, Autor des "Manager Knigge 2000". Jüngeren und Einsteigern rät er abzuwarten, bis sie das Du angeboten bekommen. Besonders vorsichtig sollten Frauen in Führungspositionen mit dem Duzen sein. Der schlimmste Faux-pas: im angesäuselten Zustand das "Du" anbieten und es am nächsten Tag bereuen.

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