Traditionsreiche Arzneimittelhersteller sind für die Zukunft schlecht gerüstet
Kommentar: Pharmaindustrie ist längst kein sicherer Hafen mehr

Der Fall Bristol-Myers Squibb (BMS) zeigt derzeit auf dramatische Art, unter welch enormem Druck die Pharmaindustrie weltweit steht - und dass einige große Branchenvertreter diesem Druck kaum standhalten können. Nach vielen Jahren stetigen Gewinnwachstums und gesicherter Umsätze bröckelt der Nimbus der Pharmaindustrie zusehends: Die Rolle als sicherer Hafen in der Weltwirtschaft kann ein großer Teil der Branche längst nicht mehr erfüllen.

Investoren sind Ertragsrückgänge von bis zu 40 Prozent - wie sie bei Bristol-Myers Squibb nun erwartet werden - von der Pharmaindustrie nicht gewöhnt. Über Jahre hinweg hat die Branche mit Gewinnsteigerungen in zum Teil gleicher Größenordnung die Börse begeistert. Entsprechend harsch fiel nun die Reaktion aus: BMS verlor an einem einzigen Tag rund 10 Milliarden Dollar, rund 15 Prozent seines Börsenwerts. Die Anleger befürchten, dass ähnliche Horrormeldungen bei anderen Pharmakonzernen bevorstehen. BMS zog nicht nur die Aktienkurse der Partnerunternehmen des Konzerns, wie der französischen Sanofi-Synthelabo und der japanischen Kyorin, in den Keller, sondern auch die Titel heimischer und europäischer Konkurrenten.

Es ist weder auszuschließen, noch würde es überraschen, wenn weitere Pharmakonzerne in den USA und Europa das versprochene Wachstum nicht werden halten können. Denn die Probleme von BMS betreffen die ganze Branche. Sie steckt im Dilemma: Zum einen verlieren wichtige Umsatzträger ihren Patentschutz und bekommen Konkurrenz durch billige Nachahmerprodukte (Generika). Zum anderen können sich Neuentwicklungen nur langsam durchsetzen oder bieten nur unzureichenden Ausgleich für die Umsatzausfälle.

Nach Schätzung der Investmentbank UBS Warburg verlieren in den nächsten fünf Jahren Medikamente mit einem Umsatz von 50 Milliarden Dollar ihren Patentschutz. Der Folgen ist sich mancher Pharmahersteller offenbar nicht bewusst: So zeigte sich der US-Pharmakonzern Eli Lilly im Herbst 2001 von der immensen Kraft der Generika-Konkurrenz für sein Antidepressivum Prozac völlig überrascht und schraubte umgehend seine Prognosen zurück. Bristol-Myers geht nach den ersten erschreckenden Monaten unter Generika-Konkurrenz nun davon aus, dass der Umsatz seines Toppräparats Glucophage in diesem Jahr nicht nur um die Hälfte, sondern gleich um 90 Prozent zurückgehen wird. Patienten und Ärzte wechseln offensichtlich noch schneller zur Billigkonkurrenz als von den Herstellern befürchtet.

Angesichts dieser Einbrüche greifen Pharmakonzerne nach jedem Strohhalm: BMS gewährte gegen Ende des Jahres 2001 Großhändlern hohe Rabatte, um den Umsatz anzukurbeln und den versprochenen Ertragszuwachs zu erreichen. Der Konzern erwies sich damit einen Bärendienst: Weil die Händler jetzt auf den Beständen sitzen, bleiben neue Bestellungen aus. Rabatte hat nicht nur BMS gewährt - auch Konkurrenten wie Schering-Plough griffen zu diesem Mittel. Die nächsten Wochen werden zeigen, wie stark die Pharmaindustrie insgesamt von den hohen US- Lagerbeständen betroffen ist.

Die Entwicklung neuer Medikamente mit Milliardenumsätzen wird für die Branche überlebenswichtig - und zugleich immer schwieriger. Nicht nur bei BMS ist die Liste neuer patentgeschützter Umsatzbringer für die nächsten Jahre äußerst kurz. Sicher, der Konzern hat bei fehlgeschlagenen Neuzulassungen mitunter Pech gehabt. Doch hat es das Management versäumt, Entwicklungspartner wie das US-Biotechunternehmen Imclone besser zu kontrollieren und so Verzögerungen bei der Zulassung wichtiger Präparate zu verhindern. Auch bei Konzernen wie Merck & Co., Schering-Plough oder Bayer fehlen Produkte, die kurz- und mittelfristig starkes Wachstum sichern und den Umsatzverlust in Folge von Patentausläufen ausgleichen.

Es wäre grundlegend falsch, angesichts dieser Probleme die Aussichten für die gesamte Pharmabranche düster zu zeichnen. Konzerne wie Novartis, Pfizer, Aventis oder Astra Zeneca haben nach den jüngsten Zulassungserfolgen und wegen frühzeitiger Reaktion auf Patentabläufe durchaus gute Wachstumschancen. Der Fall BMS beweist jedoch, wie schlecht manch traditionsreicher Arzneimittelhersteller auf die bevorstehenden weniger fetten Jahre vorbereitet ist.

Die Schwierigkeiten dieser Unternehmen könnten in der Pharmabranche und in der Biotechnologie zu einer neuen Welle von Fusionen und Übernahmen führen. Auf kleine, wendige Biotechfirmen und Pharmaunternehmen mit viel versprechenden Präparaten in der Entwicklung haben es alle großen Konzerne abgesehen. Falls BMS die Wende nicht selbst schafft, bleibt der Konzern auf dem derzeitigen Kursniveau der herausstechendste Kandidat für die nächste Großfusion.

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