Traditionsreiche Prüfungsgesellschaft gerät ins Visier der US-Finanzaufsicht
Andersen nennt Enron-Bilanz Glücksspiel

Harvey Pitt, der Chef der amerikanischen Finanzaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC), hat sich immer für die eine Kooperation mit den Betriebsprüfern stark gemacht. Doch seit dem Enron-Skandal ist das ganz anders. Die amerikanische Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Andersen muss jetzt mit einem strengen Zwangsverfahren (Enforcement) rechnen. Denn Andersen-Prüfer sollen die Schieflage von des Energiekonzerns bewusst verschleiert haben.

lü/su/wsj DÜSSELDORF. Das Enforcement-Verfahren könnte Andersen teuer zu stehen kommen. Der Gesellschaft drohen Schadensersatzforderungen in Milliardenhöhe. Für Pitt wird der Fall Enron-Andersen nach Meinung von Experten die erste wirkliche Nagelprobe im Amt sein. Für die ihm unterstellte SEC mit Sitz in Washington arbeiten heute rund 2900 Angestellte. Die vier Geschäftsbereiche überwachen die Veröffentlichungspflichten der Unternehmen, den Handel an den Börsen und die Investmentindustrie inklusive der Finanzberater und Investmentfonds. Die Division of Enforcement ist für die Verfolgung von Verstößen und die zivilrechtliche Bestrafung der Täter verantwortlich. Ihre Befugnisse kommen denen einer Staatsanwaltschaft gleich und machen die SEC zur gefürchteten Behörde. Derzeit kommt es in 400 bis 500 Fällen pro Jahr zu Strafen. Im Fall Enron-Andersen geht es darum, ob Investoren und Aktionären wichtige Informationen über die Finanzlage bei Enron vorenthalten wurden.

Die Rolle Andersens wird bei den Untersuchungen um die Machenschaften bei Enron im Fokus stehen. Enron hatte Schuldenberge in Milliardenhöhe in zahlreichen dubiosen Partnerschaften versteckt. Dabei stellt sich die Frage, ob Andersen diese fragwürdige Buchführung früher hätte entdecken und unterbinden müssen. Die Enron-Bosse wussten offenbar bereits im Sommer , dass die abenteuerlichen Partnerschaftskonstruktionen Ärger bringen würden. Enron hatte im November völlig überraschend zugegeben, dass es seit 1997 rund 586 Mill. $ Gewinn zu viel ausgewiesen hatte. Im Dezember meldete das Unternehmen mit Schulden von mindestens 31 Mrd. $ Konkurs an. Den Andersen-Prüfern begann die Sache jedoch offenbar bereits zu Beginn des vergangenen Jahres zu heiß zu werden. So war es einem internen Bericht zu Folge im Februar 2001 zu einem Treffen der zuständigen Mitarbeiter gekommen. Einziger Punkt der Tagesordnung: Sollen wir Enron als Klient behalten?

Bei dem Treffen sei über die aggressiven Buchführungstechniken bei Enron und daraus resultierende mögliche Interessenskonflikte für die Wirtschaftsprüfer diskutiert worden, schrieb der Verfasser des Berichts, Michael Jones. Er ist einer der für Enron zuständigen Prüfer. Jones schreibt: "Gegenstand einer heftigen Diskussion waren auch die Transaktionen mit der LJM, einschließlich der Aussagekraft der Gewinn- und Verlustrechnung und den Summen, die aus der Bilanz herausgehalten wurde." Die LJM ist eine der nicht konsolidierten Gesellschaften, die dazu verwendet worden sind, um Enrons Schulden aus der Konzernbilanz herauszuhalten.

Jones erwähnt zudem einen "Interessenkonflikt" bei Enron-Finanzchef Andrew Fastow, der die nicht im Konzernabschluss enthaltenen Gesellschaften kontrolliert und Gehalt von ihnen bezogen habe. Auch die Art und Weise, wie Enron seine Gewinne aus solchen Transaktionen bewertet, sei diskutiert worden sowie die Tatsache, dass es sich um "intelligentes Glücksspiel" handele. Letzten Endes sei der Schluss gezogen worden, dass man Enron als Klient behalten solle. Auch kam auch zur Sprache, dass Andersens Rechnung an Enron auf 100 Mill. $ im Jahr wachsen könnte - der Konzern wäre ohne die Pleite Andersens größter Kunde geworden.

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