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Träumen macht Spaß

Die übernächste Internetschlacht wartet schon. Sprachbasierte Dienste, Kommunikation zwischen Mensch und Maschine, Computerlinguistik und künstliche Intelligenz. Lassen Sie sich gehen, investieren Sie. Denn: Träumen macht Spaß.

Es macht Spaß zu träumen. Wieder prescht die IT-Branche in einen technologischen Raum, den es zu füllen gilt: Mobile Business. In dem schalltoten Raum darf alles gesagt und alles versprochen werden. Ein Wort flüstert dumpf von den Wänden: UMTSsss. Hier herrscht Unterdruck. Die Milliarden werden nur so angesaugt, fliegen durchs Fenster hinein, durch undichte Ritzen, häufen und türmen sich auf. Doch Vorsicht! Der nächste "Hyp-er"-Raum wartet schon. Sprachbasierte Dienste, Kommunikation zwischen Mensch und Maschine, Computerlinguistik und künstliche Intelligenz. Das sind nur einige der mächtigen Schlagworte, mit denen sich Technologieunternehmen in die übernächste Internet-Schlacht werfen werden. Für die Macher von morgen gehören diese Begriffe seit langem zur "Umgangssprache". Am Massachusetts Institut of Technolgy (MIT) ebenso wie am Deutschen Institut für Computerlinguistik. Zum "guten Ton" an den Marktplätzen dieser Welt werden sie in ein Paar Jahren gehören, wenn elektrisierte Analysten die entsprechende Technologie-Fahne auf "strong buy" setzen. Wenn die Phantasie der Anleger gefragt sein wird für die totale Vernetzung, intelligente Maschinen und schlanke Alleskönner. Wenn es heißen wird: Reden Sie mit Ihrem Computer Tacheles.

Sauerbraten in Miami

Also, wieder einmal: Phantasievolle PR und reichlich Stoff für Träume...Wir werden mit kleinen Computern und angemessen großen Displays alles tun können, was uns versprochen wurde. Aktien, Nachrichten in Bild und Text. Überall, im Taxi, im Urlaub, auf der Toilette, in der Straßenbahn. Mein Haus wird intelligent, der Kühlschrank und die Mikrowelle. Die Rolladen in Köln rauf und runter, nur so zum Spaß, bevor ich das Taxi in Miami mit dem Handy bezahle. Mein Zweitwohnsitz an den wunderschönen Stränden südlich von...weiß ich noch nicht...... gelegen, auf dem neusten Stand der Technik. Die Einfahrt gehe ich zu Fuß hinauf. Wähle über mein Handy Kamera Eins, Zwei und Drei an, nur so zum Spaß. Spreche in meinen Voice-Decoder und halte das elektronische Auge vor mein Gesicht: "Nachricht an...Jassika...bin angekommen, melde mich um 14.35 Uhr MEZ." Ich sage Ende und abschicken. Meine Haustür erkennt mich beim näherkommen, schwingt auf, sagt schwungvoll, "Hallo". Das Licht im Flur geht an, die Haustür zu. Ich habe Hunger. Mein Kühlschrank hat Rheinischen Sauerbraten geordert - er wußte das ich komme. Keine Ahnung wo er den her hat - ich bin in Miami. Er tut dies, seitdem ich meinen Kühlschrank in Köln innerhalb von drei Wochen zweimal Sauerbraten bestellen ließ. Bevor ich die Klappe der Mikrowelle öffne sage ich: "geschäftlich", denn das E-Mailprogramm "Planet Organizer" ist bereits geöffnet. Ich höre mir die Kurzzusammenfassungen der Mails an, die die Mikrowelle für mich erstellt hat und entscheide mich für Peter und Jürgen. Während der Braten schmort, sehe ich mir die Videobotschaften an und erinnere mich an ein Gespräch auf dem Flug nach Miami - eine Interessante Information zu einem Unternehmen, mit dem eine Kooperation geplant ist. Ich sage "Handy, gib mir Frau Lusteck im Büro, ich brauche die Unterlagen vom letzten Meeting mit Biermann", und gehe ins Wohnzimmer.

Priorität hoch - Achtung! Verkaufen!

Während mein Handy per Telefon und E-Mail versucht meine Kollegin zu erreichen hellt sich die Videoleinwand auf und Nachrichtenbeiträge verschiedener Sender laufen ab. Die Art der Nachrichten und Reihenfolge sind auf mich zugeschnitten, Meldungen mit "Priorität hoch", die mich bereits im Flugzeug per Handy erreicht haben, werden zunächst weggelassen und erscheinen am Ende in einer Art Kurzzusammenfassung. Zwischendurch informiert mich der Zentral-Computer im Wohnzimmer über die Versuche meines Handy's Frau Lusteck zu erreichen. Am unteren Rand der Leinwand erscheint ein Textband: "Frau Lusteck nicht anwesend, Auto und Privatwohnung werden gecheckt". Schließlich ortet das Handy meine Kollegin zu Hause. Frau Lusteck erscheint auf der Leinwand, begrüßt mich und sagt: Ich weiß schon Bescheid, das Protokoll wird gerade auf Ihr Handy geladen....". "Danke", "Bitte, tschüß." Es könnte alles so schön sein, an diesem Nachmittag in Miami. Doch dann gibt mein Handy Alarm. Auf der Leinwand erscheint ein riesen Popup. "ACHTUNG ! - Megabell brechen ein, 40 Prozent, freier Fall !!! Programm aktiviert Verkaufssignal in 20 Sekunden. ACHTUNG! Bitte bestätigen oder abbrechen! Ich überlege, sage "Kurs anzeigen, Nachrichten anzeigen". Es ist schlimmer als erwartet und ich lasse grübelnd den Countdown verstreichen.

Lassen Sie sich gehen, investieren Sie

Das MIT-Projekt "Oxygen" soll diese Vision Wirklichkeit werden lassen. Doch während die Wissenschaftler des MIT noch fieberhaft an der Post-PC-Welt arbeiten meldete sich vergangene Woche auf der Systems 2000 in München ein Unternehmen zu Wort, dass nächstes Jahr bereits mit einem intelligenten Softwaresystem auf den Markt kommen will. Die Enterprise Technologies GmbH entwickelt und produziert Technologien, bei denen der Internetnutzer auf E-Commerce oder Unternehmensseiten mit einem intelligenten Programm kommunizieren kann. In Kooperation mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) hat Enterprise nach eigenen Angaben eine Technologie entwickelt, die auf den neuesten Erkenntnissen der Sprachforschung beruht. Der Zugriff auf E-Commerce-Inhalte über verschiedene elektronische Medien (PC, Handy, Telefon, Digitales Fernsehen) werde mit der neuen Technologie wesentlich erleichtert, teilte Enterprise Technologies mit. Die Softwaresysteme sollen Anfang nächsten Jahres angeboten werden. Verträge mit großen IT-Unternehmen würden derzeit verhandelt. Das alles darf zunächst einmal unbesehen geglaubt werden, denn auch das ist Trend. Lassen Sie sich gehen, investieren Sie. Denn: Träumen macht Spaß.

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