Trainer Advocaats Ära in Holland ist wohl beendet
Der letzte Wechsel

Hollands Trainer Dick Advocaat steht nach der Niederlage gegen Tschechien massiv in der Kritik. Mit seinem unglücklichen Wechsel, in der 55.Minute musste der beste Holländer Robben für Abwehrspezialist Paul Bosvelt Paltz machen, brachte sich Advocaat selber in die Schusslinie.

HB DÜSSELDORF. Am Ende gewann Dick Advocaat wenigstens einen letzten Kampf - den Kampf gegen die Tränen. Das Blut war ihm ins Gesicht geschossen, seine Stimme stockte, die Augen waren glasig geworden. Aber Advocaat, der Kämpfer, weinte nicht. Er hatte mehrmals erklärt, warum es notwendig gewesen war, Arjen Robben, einen Stürmer, vom Feld zu nehmen; was er mit der Einwechslung des defensiven Mittelfeldspielers Paul Bosvelt bezweckt hatte. Aber Advocaat wusste, dass man seiner Argumentation wieder einmal nicht folgen würde und dass es nur einen Schuldigen für die Niederlage der Holländer gegen Tschechien geben würde: Dick Advocaat. "Ich habe mich an die Kritik gewöhnt", sagte er. "Das geht schon seit zwei Jahren so." Dann aber schien er emotional zusammenzubrechen.

Zur selben Zeit wütete 500 Kilometer weiter südlich an der Algarve Jan Mulder in einer Livesendung des holländischen Fernsehens gegen den Bondscoach. Die Auswechslung von Robben, der die beiden Tore der Holländer vorbereitet hatte, bezeichnete der prominente Fußballkritiker als "Wechsel des Jahrhunderts". Sein Sohn Youri Mulder, der früher für Schalke 04 gespielt hat, äußerte die Vermutung, dass Advocaat habe verlieren wollen. Und der "Telegraaf" sprach von einer "Dummheit erster Ordnung": "Zum Leidwesen der 16 Millionen Bondscoachs in den Niederlanden holte der einzige Bondscoach, der das Sagen hat, seinen besten Spieler vom Feld."

Advocaat selbst sagte: "Es war kein besonders glücklicher Wechsel." Seine Idee war es gewesen, mit einem zusätzlichen Mittelfeldspieler die Hoheit in der Zentrale zurückzuerlangen. "Es ist schief gegangen", sagte er. Dass Robben nach einer Verletzung drei Monate lang kein Spiel bestritten hatte, spielte für Advocaats Entscheidung ebenfalls eine Rolle. "Natürlich ist es richtig, einen Spieler nach drei Monaten Pause nicht durchspielen zu lassen", sagte Ronald Koeman, Trainer von Ajax Amsterdam. "Aber dann hätte er Overmars bringen sollen", einen Stürmer für einen Stürmer. "Ich wäre lieber drin geblieben", sagte Robben. "Ich habe mich gut gefühlt. Darüber wird noch zu reden sein."

Advocaat wird es kaum nützen, dass Ruud van Nistelrooy seine taktischen Überlegungen stützte. Die Ära Advocaat, die keine wurde, geht wohl mit der Europameisterschaft zu Ende. Das Einzige, was noch eindeutig für den Bondscoach spricht, ist, dass es in den Niederlanden keinen geeigneten Nachfolger gibt. Die meisten renommierten holländischen Trainer haben bereits ihre eigenen schlechten Erfahrungen mit der Nationalmannschaft gemacht. Als erster Kandidat wird im Moment Henk ten Cate gehandelt, der als Assistent von Frank Rijkaard in Barcelona arbeitet und 1998/99 einige Monate den Zweitligisten KFC Uerdingen trainiert hat. Auf diesem Niveau bewegt sich die Nachfolgediskussion.

Das Spiel war für Advocaat eine Zusammenfassung seiner Amtszeit. Die Holländer begannen gut, dann wurde dem Trainer seine Übervorsicht zum Verhängnis. "Der Lohn der Angst hat nicht lange auf sich warten lassen", schrieb der "Telegraaf" über die Auswechslung. Advocaat gilt in den Niederlanden als Zauderer, der vor Veränderungen zurückschreckt. In der Pressekonferenz nach dem Spiel wurde der tschechische Trainer Karel Brückner von einem Journalisten gefragt, was er verlangen würde, wenn Advocaat ihn um eine Lehrstunde bitte.

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