Trainer Toppmöller ist bedrückt
Jubel, Trubel und ein bisschen Bitterkeit

Trotz des Einzugs in das Halbfinale der Champions-Leagues könnte die Bayer-Mannschaft nach Saisonende auseinander brechen, da die Leistungsträger wohl den Verein verlassen. Zudem gab der Verein gestern bekannt, seine Bewerbung für die WM 2006 zurückzuziehen.

HB. Ich musste noch nie so oft die Taktik wechseln wie in diesem Spiel", meinte Klaus Toppmöller glücklich aber erschöpft nach einer "unfassbaren" Begegnung. Rückstand aufholen, Vorsprung verteidigen, rein in die Pantoffeln, raus aus den Pantoffeln. Nach dem 3:1 durch Dimitar Berbatow sei man im siebten Himmel gewesen, aber dann schnell auf dem Boden der Tatsachen gelandet, so der Bayer-Trainer.

"Danach wieder zurückzukommen, das sagt alles über die Moral der Mannschaft aus." Mit einem sensationellen 4:2 (1:1)- Sieg über den FC Liverpool machte Leverkusen die 0:1-Niederlage aus dem Hinspiel wett, zog in das Halbfinale der Champions League ein und feierte - nach Trainerangaben - den "größten Erfolg der Vereinsgeschichte". Ob der Sprung unter die vier besten Teams Europas höher einzuschätzen ist als der Uefa-Cup-Gewinn 1988, ist zwar fraglich. Fest steht: Die Leverkusener können stolz auf das Erreichte sein. Immerhin haben sie in der Vorrunde Olympique Lyon und Fenerbahce Istanbul, in der Zwischenrunde Juventus Turin und Arsenal London und jetzt Liverpool ausgeschaltet.

"Nach dem 3:2-Anschlusstreffer von Litmanen in der 79. Minute dachte ich, das war es, wir sind durch", gab Liverpools Trainer Gerard Houllier unumwunden zu. Doch Toppmöller beorderte Lucio nach vorne, "um ein Kopfballtor zu machen". Der Brasilianer nahm sich dann aber die Freiheit, per Linksschuss den Ball zum entscheidenden Tor über die Linie zu wuchten. Rückstände aufzuholen ist für die Bayer-Elf in dieser Saison - ob in der Bundesliga oder in der Champions League - wöchentliches Brot. "Unsere Mannschaft ist in diesem Jahr zusammengewachsen, da holt man eben so etwas wieder auf", sagte Torwart Jörg Butt, der selbst seinen Beitrag geleistet hatte, indem er dreimal gegen den auf ihn zustürmenden Michael Owen rettete.

Butt bedankte sich bei den Fans, eine solche Stimmung habe er in der BayArena noch nie erlebt. So blieben die Zuschauer nach dem Jubel über das 4:2 gleich bis zum Schlusspfiff stehen. Dann lief "Football?s coming Home" über die Lautsprecher, keiner wollte nach Hause gehen, alle warteten auf die Ehrenrunde ihrer Helden.

Doch bei aller Freude über den grandiosen Sieg blieb die Befürchtung, dass das Team nach Saisonende auseinander bricht. Ulf Kirsten hört eventuell auf, Michael Ballack geht nach München, Ze Roberto möglicherweise auch, Lucio wird von Real Madrid umworben. "Es ist unüblich, dass in einer Situation wie dieser - mit Chancen auf drei Titel - die Leute gehen. Normalerweise kauft man dazu", sagte Toppmöller etwas resigniert.

Er gab zu, vor dem Spiel traurig und bekümmert gewesen zu sein wegen der Nachricht, dass auch Ze Roberto abwandern könnte. Schon der Verlust von Ballack "tut weh". Der habe mal wieder "eine absolute Weltklasseleistung gebracht, ein tolles Tor mit dem Fuß und ein tolles Tor mit dem Kopf erzielt". Der Gelobte selbst sprach von einem perfekten Tag für alle Fans und einer überragenden Mannschaftsleistung. "Im Moment ist das alles ein Selbstläufer für uns."

Vor allem spielerisch. Jens Nowotny meinte, Bayer habe gezeigt, dass auch schöner Fußball erfolgreich sein könne: "Wann Liverpool das letzte Mal vier Tore gekriegt hat, werden die selbst nicht mehr wissen." Dem Angriffswirbel von Ze Roberto, Ballack und Bastürk hielt die englische Mauer nicht stand.

Ähnlich wie sein Trainer schaute auch Nowotny betrübt in die Zukunft. "Für jeden, der heute gespielt hat, wird es Angebote geben. Bei dem einen oder anderen wird es Klick machen", befürchtete der Abwehrspieler, der bisher alle Angebote abgeschlagen hat. Manager Reiner Calmund werde zwar alles versuchen, doch "lassen wir uns überraschen, was für ein Gesicht die Mannschaft in der nächsten Saison hat". Es klang, als ob er auf diese Überraschung gern verzichten würde.

Auch wenn der Verein nun 35 Millionen Euro aus der Champions League sicher hat, bleibt ihm ein großer Nachteil im Kampf um die Spitzenspieler. Das Stadion gilt zwar als Schmuckkästchen, ein Kasten würde aber für mehr Einnahmen sorgen. Gerade in Zeiten, in denen die TV-Erlöse sinken werden. Leverkusen gab am Mittwoch bekannt, seine Bewerbung für die WM 2006 zurückgezogen zu haben. Die Kapazität mit 22 500 Zuschauern lag weit unter den vom Weltverband Fifa geforderten 40 000 Plätzen. Als Trostpreis hat der Deutsche Fußball-Bund aber zugesagt, dass die deutsche Nationalelf während des Turniers dort trainieren wird.

Den historischen Abend beendete Toppmöller mit einem Spruch fürs Poesie-Album. "Als Winston Churchill, einer der größter Redner der englischen Sprache, vor einer Schulklasse eine Rede halten sollte, sagte er nur die Worte: ,Nie, nie, nie aufgeben?." Vielleicht wird das Leverkusener Management ja um die Spieler genau so erfolgreich kämpfen wie diese auf dem Platz.

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