Transatlantische Spannungen
Kommentar: Imperiale Versuchung

Der Krieg im Irak hat den Westen gespalten. Seit der amerikanisch-britischen Intervention liegt nicht nur die westliche Wertegemeinschaft, sondern auch die normative Autorität Amerikas in Trümmern, wie der Philosoph Jürgen Habermas zu Recht beklagt.

Die entscheidende Frage lautet nun, ob sich auf dieser beschädigten Basis eine neue, stabile Weltordnung aufbauen lässt. Doch auch sechs Wochen nach dem Einmarsch der US-Truppen in Bagdad fällt die Antwort schwer.

Noch immer sind Amerikaner und Briten auf der einen, Russen, Franzosen und Deutsche auf der anderen Seite mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Während in Bagdad weiter Chaos und Anarchie herrschen, zeichnet sich im westlichen Lager immerhin eine Entspannung ab. Nach Deutschland hat gestern auch Frankreich Zustimmung zum jüngsten US-Entwurf für eine Irak-Resolution im Uno-Sicherheitsrat signalisiert. Wenn alles gut geht, wird der Streit um die irakische Nachkriegsordnung rechtzeitig zum G8-Gipfel in Evian Anfang Juni beigelegt.

Das ist gut so, denn die "großen acht" müssen den Blick nach vorn richten. Doch eine Einigung im Sicherheitsrat bedeutet weder eine nachträgliche Legitimierung des Irak-Krieges, wie die US-Administration glaubt, noch ein Ende der transatlantischen Eiszeit, wie viele Deutsche hoffen. Der sich abzeichnende Konsens ist lediglich ein taktisches Manöver, um den Schaden zu begrenzen und das Gesicht zu wahren.

Bei näherer Betrachtung hingegen ist der Riss, der durch den Westen geht, tiefer denn je. Strategisch leben die Amerikaner auf dem Mars und die Europäer auf der Venus, wie Erfolgsautor Robert Kagan treffend formulierte. Für US-Präsident George W. Bush war der Irak ein erfolgreicher Test für seine Präventivkriegsstrategie. Viele Europäer hingegen sehen sich durch das Chaos in Bagdad in ihrer Skepsis gegenüber militärischen Abenteuern bestätigt.

Eine tragfähige neue Weltordnung kann sich aus dieser Gemengelage nur ergeben, wenn Amerikaner und Europäer aufeinander zugehen. Dies wird aber nur möglich sein, wenn Bush der imperialen Versuchung widersteht, die sich aus der Gunst der Stunde ergibt. Amerikanische Pressionen gegen deutsche und französische Firmen und Drohungen gegen Syrien und Iran deuten aber in eine andere, bedenkliche Richtung.

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