Transfergesellschaft entwickelt Modell
Weiterbildungsmodell soll Arbeitslosigkeit verhindern

Reuters BERLIN. Abgesehen vom Streit über Mitbestimmung und Überstunden kann das Bündnis für Arbeit einen Konsens über die Notwendigkeit einer Qualifizierungsoffensive auf der Habenseite verbuchen. Welche neuen Wege in der Qualifizierung möglich sind, könnte die Bündnisrunde bei einem Ortstermin im ostwestfälischen Bad Oeynhausen prüfen. Dort entwickelt eine so genannte Transfergesellschaft des regionalen Mittelstands ein neuartiges Weiterbildungsmodell.

"Grundidee der Transfergesellschaft ist, Arbeitslosigkeit schon im Vorfeld zu verhindern, indem potenziell von Entlassung bedrohte Arbeitnehmer qualifiziert werden", heißt es in der Selbstdarstellung eines Innovationszentrums, an das die Gesellschaft angeschlossen ist und das auf eine Initiative des größten Unternehmens der Region zurückgeht, des Kunststoffverarbeiters Fennel. Das Zentrum versteht seine Tätigkeit als Beitrag zur "laufenden Diskussion um eine stärker 'aktivierende' Arbeitsmarktpolitik, die den oft nur 'passiven' Weg der deutschen Verwaltung der Arbeitslosigkeit korrigiert".

Mitarbeiter bedarfsgerecht umschulen

Nach Angaben des Geschäftsführers der Transfergesellschaft, Reiner Kochanek, sind bislang 10 Unternehmen der Region in einer Art Austauschforum für Personalleiter vernetzt. Zeichne sich irgendwo zum Beispiel eine Standortverlegung ab, die nicht alle Beschäftigten mitmachen könnten, werde der Personalbedarf angeschlossener Firmen abgeklopft. So könnten über die Transfergesellschaft dann beispielsweise von Arbeitslosigkeit bedrohte Kraftfahrzeugmechaniker passend für den Bedarf ihres zukünftigen Betriebes zu Maschineneinrichtern umgeschult werden.

"Wir sind in der Aufbauphase", sagt Kochanek und räumt ein, dass noch Verfahrensfragen zu lösen seien, etwa die der Verbindlichkeit des neuen Jobangebots. Ebenso wie der Arbeitnehmer sich zur erfolgreichen Teilnahme an der Weiterbildung verpflichten müsse, so müsse auch die Zusage für den neuen Arbeitsplatz bindend sein. Prinzipiell könne man das Modell auch zu einer regionalen "Drehscheibe" entwickeln, in der Beschäftigte mal hier, mal dort arbeiteten.

Universität begleitet das Projekt

Der Sozialwissenschaftler Rolf Heinze mit einem Lehrstuhl für Arbeits- und Wirtschaftssoziologie in Bochum begleitet das Projekt. Er weist auf den Unterschied der Transfergesellschaft zu bereits bekannten Beschäftigungsgesellschaften hin: Es gehe um "zielgenaues Umqualifizieren", ohne dass die Betroffenen über längere Zeiträume in der Gesellschaft bleiben sollten. Als besonders bemerkenswert hebt er hervor, dass über die Transfergesellschaft auch miteinander konkurrierende Unternehmen vernetzt seien.

Das Projekt hat die Unterstützung des regional zuständigen Arbeitsamts Herford. Dessen Direktor Thomas Baecker spricht von einem einzigartigen Ansatz, der dabei helfe, nicht nur Arbeitslosigkeit zu vermeiden, sondern auch Fachkräftemangel aufzufangen.

"Projekt entspreche einem Arbeitnehmerverleih"

Roland Engels, Kreisvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) für Minden-Herford, ist in seinem Urteil zurückhaltender. "Ich tu mich da etwas schwer mit", sagt er. Das Projekt entspreche "mehr oder weniger den Kriterien eines Arbeitnehmerverleihs". Dennoch sei seine Haltung nicht grundsätzlich ablehnend, sonder eher kritisch beobachtend. Die Praxiserprobung dieser "ganz interessanten Variante" sei noch abzuwarten. Für Geschäftsführer Kochanek hat sie bereits funktioniert. "Ich bin bereits über 50 und war Langzeitarbeitsloser", sagt er.

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