Transparenz gefordert
Philips hat zu viel im Programm

Der Name Philips steht auf Toastern, Mobiltelefonen, Halbleitern und Computertomographen. Weniger könnte mehr bringen, meinen Analysten.

HB DÜSSELDORF. In der kommenden Woche übernimmt der Deutsche Gerard Kleisterlee beim niederländischen Elektronikkonzern Philips das Kommando. Er wird einiges tun müssen, ehe die Analysten die Philips-Aktie wieder zum Kauf empfehlen. Zwar steht der Elektronikkonzern nicht wirklich schlecht da, der neue Chef sollte jedoch das Firmenmotto beherzigen: "Let s make things better." Es gibt nämlich immer noch einiges aufzuräumen.

Bereits Kleisterlees Vorgänger Cor Boonstra hatte Philips in den gut vier Jahren seiner Amtszeit kräftig saniert. Er strich viele tausend Arbeitsplätze. Von 13 Sparten blieben sechs übrig, etwa hundert Betriebsteile wurden verkauft oder geschlossen. Doch der Konzern bleibt eine Baustelle - was in Zeiten günstiger konjunktureller Entwicklung nicht weiter aufgefallen ist. Noch im Jahr 2000 verdiente Philips so viel wie nie zuvor. Doch mittlerweile ist große Ernüchterung eingetreten. Die für Philips wichtigen PC- und Telekommunikationsmärkte wachsen nur noch langsam. Auch der Markt für Konsumgüter verspricht wenig Dynamik.

Noch immer ist die Bandbreite der Philips-Produkte unüberschaubar. Sie reicht von der Kaffeemaschine bis hin zum Computertomographen, vom Wasserkocher bis zu Halbleitern, vom Waffeleisen bis zum DVD-Player. Analysten beeindruckt es nicht, dass man Haus und Büro komplett mit Philips-Geräten ausstatten kann. Im Gegenteil, sie sähen es gerne, wenn der Eindhovener Konzern sich auf Profitables konzentrierte und sich von wenig erfolgversprechenden Produktlinien verabschieden würde.

Mobiltelefone oben auf der Verkaufsliste

Ganz oben auf der Verkaufsliste stehen die Philips-Mobiltelefone: "Die Handy-Sparte muss weg", sagt Theo Kitz, Analyst beim Bankhaus Merck Finck & Co. Kitz hat die Philips-Aktie Mitte April zum "Underperformer" herabgestuft, ordnet sie also unter dem Marktdurchschnitt ein.

Weniger pessimistisch sieht Astrid Borgs, Analystin bei der WestLB Panmure, die Zukunft der Philips-Aktie. Sie hat das Papier auf "neutral" eingestuft. Nach ihrer Einschätzung sind die langfristigen Aussichten deutlich besser, als es die jüngste Entwicklung glauben macht: "Die aktuellen Probleme sind durch die Entwicklung der Märkte entstanden, und nicht, weil etwa der Konzern insgesamt schlecht positioniert wäre."

Auch nach Ansicht von Borgs gehört die Philips-Mobilfunksparte auf den Prüfstand. Bemühungen, einen Partner zu finden, hält sie jedoch zurzeit für wenig erfolgversprechend. Eine Schließung des Mobilfunkbereichs ist nach ihrer Einschätzung daher nicht auszuschließen. Tatsächlich hatte die Mobilfunktochter PCC kürzlich bereits 1 300 Zeitverträge nicht verlängert.

Aber Philips hat auch eine Perle im Bestand: Die Halbleiter-Sparte ist hochprofitabel, sie steuert den Löwenanteil zum Ergebnis bei. Die Sparten Licht, Bauelemente, Verbraucherelektronik, Haushaltsgeräte und medizinische Geräte können den Halbleitern nicht das Wasser reichen.

Die meisten Analysten wollen nun rasch den weiteren Umbau des Konzerns. Der jetzige Zustand schade der Aktie. Roland Pitz, Analyst bei der Hypo-Vereinsbank, hat Philips mit "underperform" eingestuft. Zwar attestiert er dem Konzern, sich auf Kernkompetenzen konzentriert zu haben: "Das Unternehmen ist heute viel schlanker aufgestellt als noch vor drei oder vier Jahren." Noch immer sei aber nicht alles zum Besten bestellt.

Analysten hoffen auf neuen Chef

Merck-Finck-Analyst Kitz nennt die Philips-Aktie zwar "eine der billigsten im Technologiebereich": Dafür gebe es gute Gründe: "Der Markt mag solche Konglomerate eben nicht. Und trotz aller Bemühungen wird Philips ein Konglomerat bleiben und mit dem Abschlag leben müssen", befürchtet Kitz.

Analysten setzen Hoffnungen in den neuen Chef Kleisterlee. "Dass er schwierige Unternehmensbereiche profitabel machen kann, hat er als Leiter der Bauelemente-Sparte bewiesen. Kleisterlee bringt also ein gewisses Handwerkszeug mit", sagt Pitz.

Auch Theo Kitz rechnet mit Veränderungen: "Kleisterlee hat angekündigt, er werde alle Bereiche, die nicht deutlich wachsen, die zu wenig verdienen und die auf dem Weltmarkt nicht führend sind, auf den Prüfstand stellen." Kitz geht von deutlichen Einschnitten beim Personal aus: "Was wir bisher gehört haben, war erst der Anfang. Kleisterlee wird die Schraube viel stärker anziehen als Boonstra. Die Gewerkschaften schreien schon auf."

Erst Mitte April hatte Philips einen Warnschuss abgegeben: Der Abbau von bis zu 7 000 Stellen sei geplant. Das erste Quartal endete mit einem drastischen Gewinneinbruch, und für das zweite Quartal sei mit roten Zahlen zu rechnen, erklärten die Manager. Das Unternehmen macht die schwächelnde US-Konjunktur für die Entwicklung verantwortlich. Der Markt habe sich "entsetzlich schlecht" entwickelt, hieß es bei Philips. Die meisten Analysten waren bis dahin noch davon ausgegangen, dass der Elektronikkonzern es schaffen könnte, in der Gewinnzone zu bleiben.

Chancen und Risiken

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Wir haben die Schlüsseltechnologien und wollen sie nutzen, in unseren Sparten zu den Besten zu gehören", sagt Kleisterlee. Konzentrieren will er sich auf Halbleiter, Bauelemente und auf Konsumgüter, die auf Digitaltechnik basieren. Nun muss er seinen Ankündigungen nur noch Taten folgen lassen.

CHANCEN: Philips verdient mit der Halbleitersparte viel Geld. Der Elektronikkonzern ist der weltweit drittgrößte Anbieter der Chips, die für Handys benötigt werden. Die Margen bei den Halbleitern sind hoch. Zwar wächst der Halbleiterbereich angesichts der Nachfrageschwäche im PC- und Telekommunikationsbereich im Moment nicht mehr ganz so stark. Die Sparte wird jedoch langfristig ein Wachstumsmarkt bleiben.

Gerard Kleisterlee, der ab Mai auf dem Chefsessel sitzt, gilt als harter Sanierer. Er hat bereits als Leiter der Bauelemente-Sparte bei Philips bewiesen, dass er Kosten senken und die Effizienz steigern kann. Beobachter trauen ihm zu, dass er den Umbau des Unternehmens konsequenter verfolgt als sein Vorgänger Boonstra. Den Kurs hat Kleisterlee schon vorgegeben: Er will sich von den Bereichen trennen, die nicht ausreichend wachsen, nicht genug verdienen und in denen Philips nicht zu den Weltmarktführern gehört.

RISIKEN: Zu den Bereichen, von denen sich Philips nach einhelliger Auffassung trennen muss, gehört die Handy-Sparte. Doch die Zeit ist ungünstig. Die Hersteller bauen Kapazitäten ab, das Interesse an der Philips-Handy-Sparte dürfte gering sein. Bei einem Verkauf wird sich kaum ein guter Preis erzielen lassen. Möglicherweise muss der Bereich geschlossen werden, was erhebliche Kosten mit sich bringen würde.

Die Aussichten für das zweite Quartal sind düster. Das Unternehmen wird wohl rote Zahlen schreiben. Die Philips-Aktie lebt mit einem Konglomeratsabschlag. Es ist fraglich, ob Umstrukturierungen in den nächsten Monaten etwas daran ändern können. Der Halbleiterbereich ist zwar stark, leidet aber im Moment unter der aktuellen Flaute. Niemand kann mit Sicherheit sagen, wie lange es noch dauert, ehe sich der Trend wieder umkehrt.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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