Trauer in Büdelsdorf
Die Hoffnung starb vor Mitternacht

Es ist Freitag, der 13. - in Büdelsdorf ein Tag, den viele nicht vergessen werden. Nach der Meldung vom Aus für 2 000 Arbeitsplätze bei Mobilcom ist in der norddeutschen Kleinstadt nichts mehr so, wie es einmal war.

HB/dpa BÜDELSDORF. An Schlaf war kaum zu denken. Bürgermeister Jürgen Hein hält es morgens um 05.00 Uhr nicht mehr zu Hause. Er ist einer der ersten, der sich noch in dunkler Nacht vor der Zentrale der Mobilcom einfindet. Schweigend stehen die Menschen vor dem Eingang, lethargisch. Es gibt nichts mehr zu sagen. "Die Leute sind geschockt", meint der Bürgermeister.

Die Hoffnung starb kurz vor Mitternacht. Als aus Paris, vom Großaktionär France Télécom, die Nachricht vom Aus für die knapp 2 000 Arbeitsplätze hier am Ort kam, konnten viele die Tränen nicht mehr zurückhalten. "Das ist alles ganz, ganz schlimm", sagt die 26-Jährige Nicole Bartholmei. Sie arbeitet im Kundenservice.

Nach der Pariser Entscheidung ist in der Kleinstadt in Schleswig-Holstein mit gut 10 000 Einwohnern nichts mehr so, wie es einmal war. Etwa 600 Mobilcom-Beschäftigte wohnen direkt hier, die meisten anderen in der unmittelbaren Umgebung. "Ich saß vorm Fernseher und habe es mit Schrecken gesehen. Ich habe sofort Freunde und Kollegen angerufen, sagt Bartholmei. Alle haben längst Bewerbungen für andere Jobs geschrieben - für den Fall der Fälle. "Aber keiner will hier eigentlich weg."

Die kurzen Entscheidungswege, die netten After-Work-Partys und das junge Kollegium gefallen der Frau aus dem 20 Kilometer entfernten Schuby am besten. "Alle sind hier freundlich und alles ist sehr amerikanisch", sagt sie über ihren Noch-Arbeitgeber. Den Kaffee in der von Licht durchfluteten Caféteria gibt es für alle Mobilcom-Mitarbeiter gratis, und wer den Sicherheitsmann hinter der Eingangsschwingtür erst einmal passiert hat, erhält Einblicke in nahezu alle Büroräume der Mobilcom-Zentrale.

"Ein paar Jahre wird es schon noch weiter gehen"


Per SMS hat Katrin Bauer von der Pariser Entscheidung erfahren. "Ein paar Jahre wird es schon noch weiter gehen", hofft die allein erziehende Mutter. Doch wirklich überzeugt klingt Bauers Stimme nicht. "Man weiß ja nicht, wie die Stellen abgebaut werden." Seit Juni 1993 ist Bauer bei Mobilcom tätig. Das Unternehmen am Standort Büdelsdorf hat sie "praktisch mit aufgebaut: Da ist es schon erschreckend, das jetzt alles so zu sehen".

"Es ist immer eine Katastrophe, wenn ein Unternehmen vor der Pleite steht", sagt IG Metall-Sprecher Kai Petersen. Bis nachts um eins hat er mit seinen Mitstreitern telefoniert. "Es besteht kein Grund für die Mitarbeiter in Panik zu verfallen. Die Lohnansprüche bestehen weiter."

Doch die aufmunternden Worte Petersens wirken nur begrenzt. "Die Stimmung in der Belegschaft ist niedergeschlagen", sagt der Sprecher des Betriebsrates, Thomas Schrader. An den mit Topfblumen geschmückten Tischen in der Caféteria, aber auch in den Büros kennen die Mobilcom-Mitarbeiter an diesem Tag allesamt nur ein Thema: Wie geht es weiter?

Bürgermeister Hein denkt an die Finanzen. Gewerbesteuerausfälle lasten schwer auf dem Städtchen in der Nähe des Nord-Ostsee-Kanals. Städtische Einrichtungen wie das Freibad sind gefährdet. "Mobilcom war ein Zugpferd für die Dynamik in Büdelsdorf", sagt Hein. Wehmut schwingt in seiner Stimme mit. Denn nachdem Unternehmensgründer Gerhard Schmid das Imperium Mobilcom aus dem Boden gestampft hatte, waren auch andere Unternehmen gekommen. Bundesweit war Büdelsdorf zu einem Begriff geworden.

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