Traurige Prognose
Ökonomen warnen: Deutschland droht Dauerkrise

Renommierte europäische Ökonomen schlagen Alarm und warnen vor der deutschen Krankheit. Hauptursache für die Krise seien die hohen Lohnkosten.

DÜSSELDORF. Deutschland bleibt bis auf weiteres der kranke Mann Europas - das ist die traurige Prognose eines Kreises europäischer Top-Ökonomen, der "European Economic Advisory Group" (EEAG). "Egal, in welche Richtung sich die Konjunktur in Europa oder der Welthandel entwickelt, die deutschen Wachstumsraten werden wahrscheinlich noch eine ganze Weile die niedrigsten in Europa bleiben", heißt es im bislang unveröffentlichten EEAG-Jahresbericht 2003, der dem Handelsblatt vorliegt.

Der 2002 ins Leben gerufene europäische Sachverständigenrat präsentiert am heutigen Mittwoch sein zweites Jahresgutachten der Öffentlichkeit. Der Think Tank besteht aus neun renommierten Volkswirten aus sieben europäischen Ländern, darunter Ifo-Chef Hans-Werner Sinn und der hochrangige OECD-Ökonom Willi Leibfritz.

Der neue, 136 Seiten starke Jahresbericht der Ökonomengruppe widmet sich in einem Spezialkapitel der "German disease". Der europäische Sachverständigenrat fasst die "deutsche Krankheit" in Zahlen: In den vergangenen sieben Jahren lag das deutsche Wirtschaftswachstum insgesamt sieben Prozent hinter dem EU-Durchschnitt. "Beim Pro-Kopf-Einkommen wurde Deutschland inzwischen von Großbritannien, Finnland, den Niederlanden, Irland und Österreich überholt." Besserung sei nicht in Sicht: "Es ist möglich, dass das Land in den kommenden Jahren weiter zurückfällt."

Das überdurchschnittliche Wachstum der deutschen Lohnkosten ist in den Augen der Ökonomen die Hauptursache der Wachstumsschwäche. Im internationalen Vergleich sei das Plus vor allem in der ersten Hälfte der neunziger Jahre rasant gewesen. Der Blick auf die Entwicklung der Lohnstückkosten untertreibe den Verlust an Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt. Denn der Anstieg der Lohnstückkosten habe zu einem Beschäftigungsabbau in den Unternehmen geführt, zudem seien weniger produktive Firmen Pleite gegangen. "Die Folge ist, dass die durchschnittliche Produktivität der auf dem Markt verbleibenden Firmen steigt." Dieser Effekt werde ausgeblendet, wenn man die Stundenlöhne betrachte - diese sind laut EEAG im westdeutschen produzierenden Gewerbe seit Anfang der achtziger Jahre stetig höher als in den anderen westlichen Industrieländern.

Die These, hohe Lohnsteigerungen hätten Vorteile für die Gesamtwirtschaft, weil sie die Nachfrage ankurbelten, weisen die Volkswirte zurück. Die positive Wirkung niedrigere Lohnzuwächse auf die Beschäftigung sei weit größer als der dämpfende Effekt auf die Nachfrage. Die Beispiele USA und die Niederlande zeigten, "auf Dauer führt ein Prozentpunkt Lohnzurückhaltung zu einen Anstieg der Beschäftigung um einen Prozentpunkt".

Neben den hohen Lohnkosten haben die neun Wissenschaftler eine ganze Palette weiterer Ursachen für die "deutsche Krankheit" ausgemacht - darunter die starren Arbeitsmarktgesetze, die zentralisierte Lohnfindung, die hohen Steuern auf Arbeitseinkommen und das ökonomische Scheitern der deutschen Wiedervereinigung. Hinzu kämen hohen Lohnersatzleistung: Durch Arbeitslosenunterstützung und Sozialhilfe werde quasi ein Mindestlohn definiert. Dieser sei "in vielen Fällen so hoch, dass es sich für private Unternehmen nicht lohnt, Jobs zu schaffen". Selbst Durchschnittsverdiener hätten kein deutlich höheres Nettoeinkommen als Sozialhilfeempfänger. Als Ausweg aus der Misere empfehlen die Ökonomen: "Die Marktkräfte müssen gestärkt werden, vor allem auf dem Arbeitsmarkt." Die Regierung solle die Arbeitslosen- und Sozialhilfe kürzen und durch Lohnsubventionen einführen.

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