Treffsicherste Vordenkerin der Autolackindustrie
Die Herrin der Farben-Insel

Renate Weber ist die Frau fürs Feine am Auto: Jeden dritten Lack, der auf Europas Straßen zu sehen ist, hat sie ausgesucht. Was sie entwickelt, hat sie auf der Straße und in Cafés gesehen, gehört, gerochen und gewittert.

Im durchreglementierten Werk von BASF Coatings, dem Lackableger des Chemiekonzerns in Münster, gelten wegen der vielen leicht entzündlichen Materialien strenge Sicherheitsbestimmungen: Rauchen und offenes Feuer sind strikt verboten. Aber Renate Weber (61) zündet jeden Morgen um halb neun ihre im Raum verteilten Kerzen an, legt Lounge-Musik auf, die das vegetative Nervensystem beruhigt, streicht über weiche, auf Tische verteilte Tücher und schafft sich inmitten einer nüchternen Umgebung die sie inspirierende Atmosphäre. Der Werkschutz hat der Chief-Designerin allerdings Stahltüren verpasst. "Ich kann sehr frei arbeiten", freut sie sich.

Das ist gut so, denn Renate Weber entscheidet, was wir in drei bis sechs Jahren fahren. Sie ist die treffsicherste Vordenkerin der Autolackindustrie, ein untrüglicher, stilsicherer Trendscout, der auf keine Camouflage hereinfällt. Vielleicht weil sie eine Spätberufene ist. Die gebürtige Hannoveranerin widmete sich als junge Frau ihrer Familie.

Mit 40, beide Kinder wurden selbstständig, begann sie, Textildesign und Malerei zu studieren, arbeitete in den Folgejahren als Lehrerin, Kunsterzieherin, Mode-Designerin, bis sie 1990 von BASF angeworben wurde. Instinktsicher kreiert sie seither Jahr für Jahr 50 bis 60 Farbtöne, die sie weltweit diversen Autofirmen in Colour-Shows präsentiert. Jene, die sich überzeugen ließen, etwa vom Siegeszug des Silbergrau, fuhren am besten

.

Die Farbwelt dreht sich aber schnell, Silbergrau wird demnächst megaout sein. "Es hat seinen Zenit überschritten", sagt Renate Weber. Das sei auch sicherheitstechnisch gut, denn Silber und Grau sind Nebelfarben.

Was sind die Trendfarben der kommenden Jahre? "Vor allem gedeckte Farben: Schwarz ohne Blaubeimischungen, warmes Orange, emotionales Ocker, weiblich-rundes Grünbeige, Goldtöne." Nach dem 11. September hat sich auch im Autofarbdesign alles geändert. "Zurückgenommen, ruhig müssen die Farben sein. Sie geben den gesellschaftlichen Wunsch nach Erholung und Wellness wieder." Renate Weber agiert an der Schnittstelle zwischen Künstlertum, Marketingumsetzung und technischer Machbarkeit. Ihre Anregungen findet sie überall im gesellschaftlichen Leben. Sie beharrt, dass nicht sie es sei, die Trends setze. "Was ich entwickle, habe ich zuerst auf der Straße gesehen." Und gehört, gerochen, gewittert. Durch ihren täglichen Umgang mit ästhetischen Materialien kann Renate Weber überall sofort sämtliche Sinne aktivieren.

Bis zu vier Monate pro Jahr bereist sie die Welt, "außer Afrika", besucht Trendbüros wie das von Li Edelkort in Paris, flaniert durch urbane Zentren, stets Digitalkamera und Notizblock in der Handtasche, und nimmt wahr. Was tragen Menschen? In welche Farben kleiden sich Cafés und Restaurants, Boutiquen und Kaufhäuser? Was spielt sich an Fassaden ab, auf Werbetafeln in Theatern, Kinos, Museen und auf Modemessen?

Nach der Rückkehr erfolgt das Konzeptionieren, dann der Härtetest. "Wenn die Techniker sagen, das geht nicht, muss ich nachgeben." Das fällt ihr immer wieder schwer: "Ich habe mich schon oft geärgert." Aber im männlich dominierten Großkonzern geht nur, was machbar ist. Diese Lektion hat sie verinnerlicht.

Auf ihrer Insel darf sie träumen, hemmungslos, pausenlos. Von Farben, die tarnen, beruhigen, auffallen, beleben, erregen. Vom Gelb, der sichersten Farbe im Straßenverkehr, aber der am wenigsten beliebten. Und von ihrem Liebling, dem satten Rot. Für das Handelsblatt hat Renate Weber die attraktive Farbpalette der nahen Zukunft zusammengestellt.

Die Lack-Trends 2004 bis 2006

Weiß: Weißtöne erleben ein Comeback, sie stehen für ein futuristisches Image. Durch den Zusatz von Pigmenteffekten, vor allem metallischer Art, entstehen interessante zarte Pastelltöne. Kühlschrank-Weiß dagegen ist out.

Gelb: Gelbtöne werden heller, weicher und bis zu neuen Beigetönen reichen.

Orange: Orangetöne werden dank neuer Pigmenteffekte sanft und vornehm sein.

Rot: Bei roten Farbtönen stehen zwei Richtungen gleichwertig nebeneinander: Tiefrote, körperreiche, fast ins Bläuliche gehende Farbtöne für High-Class-Limousinen. Sportlich leuchtende Rottöne für kleine Stadtautos.

Grün und Braun: Sie gehören zu den häufigsten Angeboten aller Automobilhersteller, sind aber die Verlierer der nächsten Jahre. Schon jetzt sinkt die Nachfrage.

Schwarz und Grau: Traditionelle Farben mit hohem Wachstumspotenzial, besonders Schwarz. Sie demonstrieren eine neue Art von Funktionalismus und sind reinigungsfreundlich.

Silber: Steht für Intelligenz, Schnelligkeit, Bewegung und Funktionalität sowie eine enge Beziehung zwischen Technologie und Natur. Bald megaout.

Gold: Symbolisiert Perfektion, Macht und Wohlstand. Die Goldtöne verschieben sich ins Warme: nicht aufdringlich, protzig, sondern dezent in weichen Abstufungen zwischen Gold und Grün (aber nicht Olivgrün oder Military).

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