Trend zur Produktion im Ausland verstärkt sich
Deutsche Unternehmen verlagern Werke

Die Standortdebatte bei Siemens hat in den vergangenen Wochen die Gemüter erhitzt. Der Münchner Konzern drohte, bis zu 5 000 Arbeitsplätze ins kostengünstigere Ausland zu verlagern, falls IG Metall und Betriebsräte nicht ihren Widerstand gegen flexiblere und längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich aufgeben.

DÜSSELDORF. An den Standorten Bocholt und Kamp-Lintfort, wo Siemens Mobiltelefone und schnurlose Telefone herstellt, standen rund 2 000 Arbeitsplätze auf der Kippe. Noch in diesen Tagen suchten Belegschaft und Unternehmensleitung nach einer Lösung.

Wie Siemens verlagern immer mehr deutsche Industriekonzerne ihre Produktion ins Ausland. "Zwei Ziele", sagt Industrieanalyst Hermann Reith von der ING-BHF-Bank, "stehen dabei im Vordergrund: Kostensenkung und die Erschließung neuer Absatzmärkte." So spart der Mischkonzern MAN in der personalintensiven Busfertigung pro Arbeitsplatz 25 000 Euro im Jahr durch höhere Zulieferungen aus Polen und der Türkei ein. Die deutschen Maschinenbauer konnten ihre führende Position nur verteidigen, weil sie nach der Errichtung von Vertriebs- und Servicestützpunkten nun auch verstärkt im Ausland fertigen. 80 000 Jobs wanderten so ab.

Freilich werden nicht immer ganze Fabriken geschlossen, um sie dann in Asien oder Osteuropa wieder aufzubauen. So wie bei Siemens-Chef Heinrich von Pierer gehört es aber zum Pflichtenheft jedes Unternehmenslenkers, vor Investitionsentscheidungen alle in Frage kommenden Standorte zu vergleichen. "Künftig wird es entscheidend sein, jede einzelne Wertschöpfungsstufe von der Forschung bis zum Vertrieb dort anzusiedeln, wo weltweit die besten Voraussetzungen anzutreffen sind", sagt Udo Jung, Geschäftsführer bei der Boston Consulting Group (BCG). Das könne Böblingen ebenso sein wie Boston oder Bangalore, je nachdem ob Kundennähe, Kosten, Mitarbeiterqualifikation oder Patentschutz wichtig sind.

Importe aus Niedrigkostenländern nehmen zu

Noch aber entfällt ein beträchtlicher Teil des Auslandsgeschäfts auf den Export. Der Autobauer Daimler-Chrysler beispielsweise erzielt zwar bereits fünf Sechstel seines Umsatzes im Ausland und hat fast 100 Produktionsstandorte in 17 Ländern. Aber noch immer hat gut die Hälfte der 362 000 Beschäftigten ihren Arbeitsplatz in Deutschland.

Verglichen mit dem Gros der mittelständischen Industrieunternehmen sind die großen Konzerne in Sachen globale Wertschöpfung aber schon relativ weit. Nach einer BCG-Studie machten Importe aus Niedrigkostenländern 2002 gerade mal 6 Prozent des gesamten inländischen Industrieverbrauchs von 1,5 Bill. Euro aus. In den USA liegt dieser Anteil bei rund zehn Prozent.

100 000 Jobs auf der Kippe

Gleichwohl ist das Wachstumstempo enorm. Von 1997 bis 2002 nahmen die deutschen Importe aus Niedrigkostenländern im Jahresdurchschnitt um zwölf Prozent zu. China war der größte Lieferant. Über die Hälfte der Importe aus stammten aber aus Osteuropa. "In den nächsten zehn Jahren wird sich in Deutschland der Anteil der Importe aus Niedrigkostenländern verdoppeln bis verdreifachen", schätzt BCG-Experte Jung.

Umgekehrt gilt: Weil der Standort Deutschland teuer ist, die Bedeutung des Heimatmarktes abnimmt und die Inlandskonjunktur lahmt, halten sich Unternehmen mit Investitionen zurück. Wo aber nicht genügend investiert wird, entstehen keine neuen Arbeitsplätze. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag sagt voraus, dass 2004 netto weitere 100 000 Jobs in Deutschland abgebaut werden.

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Redakteur
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