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Trendmarke smart steckt in ihrer schwersten Krise

Das Dementi kam von höchster Stelle: In einem Brief an die völlig verunsicherten 2 600 smart-Mitarbeiter machte Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp am Freitag klar, dass der Konzern an der trendigen, aber in tiefroten Zahlen steckenden Kleinwagenmarke festhält.

dpa-afx STUTTGART. Das Dementi kam von höchster Stelle: In einem Brief an die völlig verunsicherten 2 600 smart-Mitarbeiter machte Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp am Freitag klar, dass der Konzern an der trendigen, aber in tiefroten Zahlen steckenden Kleinwagenmarke festhält. Diese Diskussion hätte sich der Topmanager, der die früheren Krisen bei Chrysler, Mitsubishi und Toll Collect unbeschadet weggesteckt hat, wohl gerne erspart: Doch sein Finanzvorstand Manfred Gentz, der im Dezember in Rente geht, hatte smart und Mercedes in seiner letzten Telefonkonferenz in Grund und Boden geredet.

Der Ausblick für 2005 sei düster, seit smart-Gründung 1998 habe der Konzern nie Geld verdient, alle Optionen würden geprüft, erzählte Gentz am Donnerstagabend den völlig verblüfften Analysten aus Europa und Übersee. Prompt machte in Finanzkreisen die Runde, die Stuttgarter könnten smart bald beerdigen. "Bei uns sind viele blass geworden, als sie das gehört haben", erzählt ein Mitarbeiter aus Böblingen.

Empörung BEI Schrempp

Auch Schrempp soll empört gewesen sein, dass sich sein langgedienter Finanzexperte zu solchen, für das Markenimage verheerenden Äußerungen hinreißen ließ. Der neue smart-Chef Ulrich Walker traf sich noch am Donnerstagabend mit Schrempp und Mercedes-Chef Eckhard Cordes, um Klarheit zu bekommen.

Gemeinsam formulierte das Trio dann den Brief, den die smart-Beschäftigten dann am Freitagvormittag in ihrem E-Mail-Postfächern hatten: "smart verdient immer noch kein Geld, das ist richtig. Aber die Existenz von smart steht nicht zur Disposition. Eine Aufgabe der Marke smart oder ein Verkauf unseres Unternehmens werden nicht diskutiert."

Seit 1998 NUR Verluste

Die Probleme bei der Marke smart, die mit Popstar Robbie Williams wirbt und als Parkplatzwunder gerade in Deutschland viele Fans hat, sind nicht neu. Schon der Start vor 16 Jahren ging gründlich daneben: Von den im ersten Jahr angepeilten 200 000 Autos verkauften die Böblinger nur 80 000. In diesem Jahr sollen es 160 000 sein. Die Modellpalette ist stark erweitert worden, es gibt Viertürer, einen Roadster und bald eine Art Geländewagen, der ab 2006 in Brasilien vom Band laufen und den US-Markt erobern soll.

Ob die Amerikaner, die auf viel PS und Stauraum stehen, den City-Flitzer von Daimler-Chrysler ins Herz schließen werden, ist nach Ansicht von Analysten höchst fraglich. "Von Acht-Liter-Hubraum auf smart umzusteigen, da bin ich gespannt", sagte Michael Punzet von der Landesbank Rheinland-Pfalz. Der smart-Absatz sei einfach zu gering, um endlich in die schwarzen Zahlen zu kommen.

Grösste Manko IST DER Vertrieb

Zudem tritt smart nicht mehr früher nur in der Nische der Kleinstwagen an, sondern muss sich mit den neuen Modellen auch in der unteren Kompaktklasse gegen Ford Fiesta, VW Polo oder Fiat Punto behaupten. Vielen gilt das Spaßauto, wo der Preis des Topmodells forfour mit Extras schnell die 20 000-Euro-Marke erreichen kann, als viel zu teuer in wirtschaftlich unsicheren Zeiten.

Größtes Manko bei smart ist aber der Vertrieb. Weltweit gibt es gerade einmal 840 Händler, im Hauptmarkt Deutschland sind es 118. Diesen Geburtsfehler hat das Management erkannt, eine Vertriebsoffensive soll den smart-Absatz ankurbeln. Aus Unternehmenskreisen ist zu hören, dass Walker und Cordes daran arbeiten, smart künftig über das komplette Mercedes-Händlernetz anzubieten. Dann sei smart in jedem Winkel präsent, und nicht mehr nur das "extravagante Spielzeug" für Städter und Individualisten.

An den Produktionskosten, die im Branchenvergleich absolut wettbewerbsfähig sind, liege es nicht, dass smart nicht auf Touren komme, bestätigten die Unternehmensberater von Mckinsey, die Daimler-Chrysler im Sommer ins Haus geholt hatte. Dass der Konzern schon bald den Geldhahn für smart zudrehen könnte, ist demnach eher unwahrscheinlich. Der Verlust im dritten Quartal soll zwar im dreistelligen Millionenbereich gelegen haben. "Das sind für den Konzern aber Kleinigkeiten. Das echte Problem heißt Mercedes und niemand hat uns eine klare Aussage gegeben, wie die Zukunft aussehen wird", meinte ein Analyst.

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