Trendwechsel zu klar strukturierten Bilanzen: Enron-Effekt belastet verschuldete Firmen

Trendwechsel zu klar strukturierten Bilanzen
Enron-Effekt belastet verschuldete Firmen

Spekulationen um unsaubere Bilanzierungspraktiken bei US-Firmen und mögliche weitere Pleiten verunsichern die Börsen.

DÜSSELDORF. Zwar legten nach positiven US-Konjunkturdaten und der hoffnungsvollen Einschätzung des Notenbankchefs Alan Greenspan gestern fast alle großen Indizes zu. Doch die Nervosität blieb, wie die Kursbewegung vieler Werte zeigte.

Finanzwerte standen erneut unter Druck. Investoren gehen davon aus, dass mögliche US-Firmenpleiten auch europäische Banken belasten. Die Credit Suisse begründete gestern den Gewinneinbruch unter anderem mit dem Zusammenbruch des US-Energieriesen Enron. Den Schweizern entstand dadurch ein Vorsteuerverlust von umgerechnet 145 Mill. Euro. "Die Anleger sind nervös, dass es noch weitere Insolvenzen geben könnte", sagte David Scully von JP Morgan.

Daneben sorgen sich Anleger um unsaubere Bilanzen, seitdem sich um den US-Mischkonzern Tyco entsprechende Gerüchte ranken. Der größte unabhängige Öl- und Gasproduzent Anadarko Petroleum räumte bereits ein, Gewinne unrichtig angegeben zu haben.

Ins Visier der Anleger geraten Unternehmen, die durch aggressive Zukäufe stark gewachsen sind, sich hoch verschuldet haben oder Anleger durch eine schwer nachvollziebare Bilanzierung in die Irre leiten. "Was jetzt belohnt wird, sind einfache und klare Berichte", stellt der Vermögensverwalter Nat Paull von New Amsterdam Partners fest. So gehörte die Preussag-Aktie gestern zu den Verlierern im Dax. Den weltgrößten Touristkonzern drückt nach Zukäufen eine Nettoverschuldung von über 6 Mrd. Euro. Angesichts sinkender Preise für Firmenverkäufe bezweifeln Anleger, dass Preussag die Schuldenlast bis Ende 2002 wie geplant auf 4 Mrd. Euro verringert. Der Aktienkurs der mit 60 Mrd. Euro verschuldeten Deutschen Telekom notiert fast 20 % niedriger als vor drei Wochen. "Größe durch Zukauf zählt nicht mehr. Verschuldung ist das große Thema", stellt Kai Franke von der BHF-Bank einen Trendwechsel zu Unternehmen fest, die aus eigener Substanz wachsen.

Während Vermögensverwalter Jens Erhardt von einer "Vertrauenskrise" an den Börsen spricht, meint Börsenexperte Wolfgang Gerke mit Blick auf die Enron-Pleite: "So etwas kann auch in Deutschland passieren, wie der Flowtex-Skandal gezeigt hat." An den Märkten müsse weltweit umgedacht werden. Nach dem Versagen der Analysten, der Ratingagenturen, des US-Board-Systems und der Wirtschaftsprüfer gäbe es keine Gewähr mehr, dass eine aus heutiger Sicht solide Aktiengesellschaft nicht morgen schon ein Pleite-Kandidat sei. "Für diese höhere Unsicherheit fordern die Märkte eine Risikoprämie, die sich in niedrigeren Kursen niederschlägt."

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