Trendwende am US-Baumarkt
Vom neuen Glück in den eigenen vier Wänden

Die Amerikaner ziehen sich zu Heim und Herd zurück. Einige Unternehmen profitieren davon - jene nämlich, die das Leben drinnen etwas netter machen.

NEW YORK. Die Kiste mit Holzleisten hat es Florence Giannini angetan: "Ich gebe mein Geld für mein Haus aus. Für mich ist es wichtig, abends in ein schönes Heim zu kommen", sagt die blondierte Dame im beigefarbenen Hosenanug. Vor allem nach dem 11. September sei ihr das eigene Heim wichtiger geworden. Deshalb ist sie nun im Home Depot-Baumarkt im New Yorker Stadtteil Brooklyn unterwegs.

Florence Giannini steht mit dem Wandel ihrer Prioritäten nicht allein. Der Trend zu Heim und Herd hält in den USA weiter an. Seit den Terroranschlägen haben sich viele Amerikaner in ihre eigenen vier Wände zurückgezogen und die Familie wieder in den Mittelpunkt des Lebens gestellt. Sozialforscher nennen das Nesting oder Cocooning - sich ein Nest bauen oder in einen Kokon einspinnen.

Statt teuer zu verreisen oder edel Essen zu gehen, nehmen die Amerikaner lieber ihre Küchenrenovierung in Angriff. Durch den Einbruch der Aktienmärkte haben zwar viele Menschen weniger Mittel zur Verfügung als noch vor ein paar Jahren. Aber die investieren sie lieber ins eigene Heim als an der Börse. "Wer will denn heute noch Aktien kaufen?", fragt auch Jeff Hank, der bei Home Depot Farben für einen neuen Anstrich holt.

Der Nesting-Trend bleibt nicht ohne Folgen für die Unternehmen. Während die meisten über die schwierige Wirtschaftslage stöhnen, schneiden jene gut ab, die verkaufen, was sich um Heim und Haus dreht: Die Möbel- und Haushaltswaren-Kette Williams Sonoma konnte ihren Gewinn im vergangenen Quartal verzehnfachen. Michael Stores, die größte US-Kunst- und Handarbeitskette profitierte davon, dass die Menschen mehr Zeit mit Makrame und Malen verbringen, und vervierfachte ihren Gewinn. Auch die dominierenden Baumarkt-Ketten Home Depot und Lowe?s steigerten ihre Gewinne im jüngsten Quartal um jeweils 28 % und 42 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Ähnlich positive Nachrichten kamen von den Herstellern von Innen-Farben, Stoffen und Geräteherstellern wie Black & Decker.

Ein weiterer Gewinner des Nesting Trends: Hersteller von Unterhaltungselektronik. Fernseh-Abende und Videospiele stehen wieder hoch im Kurs. "Digitales Zubehör läuft generell gut, wenn der Markt unten ist, weil Verbraucher mit weniger Cash teure Reisen vertagen und mehr Geld in Dinge für Zuhause investieren", sagt Sean Wargo, Analyst der Industrie Consumer Electronics Association. -Vereinigung

Ein weiterer Grund dafür, dass Amerikaner mehr Geld rund ums Haus ausgeben, ist die Tatsache, dass sie schlicht mehr Häuser besitzen. Die Verkäufe neuer Häuser werden in diesem Jahr mit einer Anzahl von 926 000 einen neuen Rekord erreichen, schätzt die Immobilienvereinigung National Association of Realtors. Auch für die Verkäufe von bestehenden Eigenheimen deutet alles auf einen Rekord hin.

Dafür sind außer dem Nesting-Trend vor allem die niedrigen Zinsen verantwortlich. Nach vier Zinssenkungen allein nach dem 11. September sind die Bedingungen, zu denen Amerikaner heute ein Haus erwerben können, so günstig wie seit Jahren nicht mehr.

"Je mehr Hausbesitzer es gibt, umso mehr betrachten die Menschen ihr Heim als die größte Investition", sagt Marie Driscoll, Analystin des Research-Instituts Argus Research. "Die Baby-Boomer-Generation gibt weniger Geld für Kleidung aus und reist seltener. Sie nutzt die Heimrenovierung als eine Art der Selbsterfahrung", erklärt Driscoll die Denke der Amerikaner über 50.

Die jüngsten Einzelhandelszahlen vom August deuten darauf hin, dass der Nesting-Trend noch lange anhält. Die Amerikaner geben zwar in Umfragen über das Verbrauchervertrauen an, besorgt um die Wirtschaft zu sein. Aber ihr Kaufverhalten sagt etwas anderes: Während die Ausgaben für Kleidung sanken, legten die für Möbel, Sportzubehör und Hobbies deutlich zu. Das Fazit ist klar für Neal Soss, Chef-Ökonom von Credit Suisse First Boston: "Folge dem Geld", rät er, "schau, was die Verbraucher tun, nicht was sie sagen".

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%