Treten, atmen, treten, atmen...
Steil wie das Hausdach

Am Mittwoch hat sich hier die Tour entschieden. Touristen testen auf der Strecke nach L?Alpe d?Huez den Schweinehund.

Längst bin ich in den Wiegetritt gestampft, verlagere die Körperkraft im Pedalwechsel, um mühsam voranzukommen. Mit den Händen drücke und reiße ich mit einem Kraftaufwand, dass es schier den Lenker aus dem Velo reißen könnte. Treten, atmen, treten, atmen - die Zweifel hinter sich lassen, nur noch von Kehre zu Kehre pedalieren. Stetig, im Rhythmus aus Atemlosigkeit und Zuversicht: Ich werde ihn schaffen, den legendären "L?Alpe d?Huez".

Schon die bloßen Zahlen lösen bei mir einen gehörigen Respekt aus: 1 143 Höhenmeter, 21 Kehren, 14 Kilometer Streckenlänge mit einer Durchschnittssteigung von 7,9 Prozent sind zu bewältigen. Doch ich bin nicht der Einzige, der diese Tortur auf sich nimmt. Ambitionierte Radtouristen scheuen nicht Mühen und Kosten und wollen diesen mythischen Berg bezwingen, und das ganz unabhängig davon, ob die "Tour" im vollen Gange ist oder nicht. Sie alle wollen wie ich die Leistung der Radsport-Helden am eigenen Leibe würdigen - und nicht wie sonst gemeinhin vom Fernsehsessel aus. "Das wird schwierig", meint Leistungsdiagnostiker Thomas Johanterwage, Chef der Diagnostik-Firma On Track, mit einem mitleidigem Gesichtsausdruck.

Er hat mich im Auftrag von Gunnar Fehlau vom Pressedienst Rad, der mich auf meiner "Reise" nach L?Alpe d?Huez begleitet, vorher gecheckt und mir immer wieder ein Tröpfchen Blut aus dem Ohr gedrückt, während ich auf dem Ergometer strampelte. Meine Puls- und Laktatwerte geben keinen Grund zum überschäumenden Optimismus. Johanterwage runzelt die Stirn, als er die Messergebnisse betrachtet. Dem werd? ich?s zeigen, denke ich.

Oder der Berg mir. Denn die Strecke von Bourg d?Oisans nach L?Alpe d?Huez ist alles andere als eine Sonntagnachmittagsradtour. Schon an der ersten Rampe falle ich beinahe vom Rad. Hier geht?s hoch wie am Hausdach, ich würge die Kurbeln im Stehen ein ums andere mal herum, fahre Zickzack. Ein mitfühlender Mechaniker hat mir nach dem Leistungscheck ans Hinterrad der High-Tech-Rennmaschine ein großes Ritzel montiert, das die Übersetzung verbessert. "Rettungsring" nennen das die Radsportler. Jetzt weiß ich, warum. Ohne diesen Ring mit seinen 27 Zähnen hätte ich schon vor der ersten von 21 Kehren schieben müssen.

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