"Tribut an die verwundete Weltstadt": Good morning, Davos

"Tribut an die verwundete Weltstadt"
Good morning, Davos

Das Weltwirtschaftsforum ist der Treffpunkt der Reichen und Mächtigen. Erstmals diskutieren sie nicht im beschaulichen Davos, sondern in New York. Die alten Gastgeber scheinen darüber glücklicher als die neuen.

HB NEW YORK. Normalerweise fliegen im Shea-Stadium kleine weiße Bälle, vergangene Woche flogen Fäuste. Statt des Baseball-Teams der New York Mets balgten sich in der riesigen Arena ausnahmsweise die Polizisten der Stadt. Auf der einen Seite standen die Beamten, die ab heute rund um das Weltwirtschaftsforum ihren Dienst verrichten werden. Auf der anderen Seite simulierten ihre Kollegen die Proteste allerlei Globalisierungsgegner. Es entwickelte sich ein hübsches Handgemenge, das aus Rücksicht auf den eigenen Korpsgeist nicht zu ernsthaften Blessuren führte.

Good morning, Davos. New York probt den Ernstfall. Ab heute tagt das World Economic Forum (WEF) im feinen New Yorker Hotel Waldorf Astoria. Zum ersten Mal in der Geschichte dieser Zusammenkunft der Mächtigen aus aller Welt findet die Veranstaltung nicht in Davos statt. WEF-Gründer Klaus Schwab verkauft den Ortswechsel gerne als Tribut an die verwundete Weltstadt. Doch ist dies wohl nur ein Teil der Geschichte. Denn seit im vergangenen Frühjahr radikale Globalisierungsgegner das Dorf in Graubünden heimsuchte, mehrten sich in der Schweiz die Stimmen, das Forum möge sich doch einen anderen Tagungsort suchen.

Schwab hörte genau hin und lud nach New York ein. Das Motto der Veranstaltung passt zu den Wunden, die die Terrorangriffe in die Stadt gerissen haben: "Führung in unsicheren Zeiten - eine Strategie für eine bessere Zukunft".

Globalisierungsgegner bringen sich in Position

Und wie immer, werden viele derer, die in der Welt gehört werden, Schwabs Ruf folgen. Insgesamt 2 700 Politiker, Unternehmer, Wissenschaftler und Journalisten aus 106 Ländern werden fünf Tage reden und diskutieren, vortragen und zuhören. UN-Generalsekretär Kofi Annan wird dabei sein, genau so wie Bundeskanzler Gerhard Schröder und US-Außenminister Colin Powell, wie Michael Dell und Bill Gates. Und weil das Forum schon angesichts dieser illustren Gästeschar das ideale Ambiente für medienwirksamen Krawall hergibt, bringen sich die Globalisierungsgegner seit Tagen in Position.

Insgeheim hatte WEF-Chef Schwab, als er sich für einen Umzug nach New York entschloss, wohl damit gerechnet, dass dieser Stadt derzeit niemand Schaden zufügen wolle. Und tatsächlich: Einige Protestgruppen wie die Menschenrechtsorganisation "Ruckus Society" aus San Francisco werden nicht kommen, andere reisen zum Gegengipfel nach Brasilien. Doch all dies ist für New Yorks Polizeichef Raymond Kelly keine Garantie, dass es ruhig bleiben wird. Und so heißt es bei der Polizei: "Zero Tolerance".

Die Proteste werden indes nicht nur in Form von Großdemonstrationen stattfinden: Die Initiative "The public eye on Davos" veranstaltet etwa eine Parallelkonferenz, genau so wie die "Students For Global Justice". Diese normalerweise friedlichen Gruppen weisen alle Vorwürfe zurück, dass jegliche Form von Protesten angesichts der Terrorangriffe unangemessen seien.

"Das Weltwirtschaftsforum behauptet, mit dem Ortswechsel seine Besorgnis zeigen zu wollen", sagt Simon Gueer von "Jobs with Justice". "Aber damit wollen sie nur ihre wahre Agenda vertuschen. Denn auf ihrem Forum wird keiner darüber sprechen, was mit der eine Million US-Bürger geschieht, die seit dem 11. September ihren Job verloren haben", kritisiert er. "Wir aber werden diese Fragen ganz ruhig stellen", sagt Gueer, "während wir der Helden gedenken, die hier in New York rund um die Uhr gearbeitet haben."

Mitarbeit: Torsten Riecke

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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