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Trister «Tristan» in StuttgartDPA-Datum: 2004-07-07 13:21:12

Stuttgart (dpa) - Eigentlich müsste sich Luk Perceval als Meister langer Versionen auf der Bühne zu Hause fühlen. Der Regisseur hatte vor vier Jahren unter anderem bei den Salzburger Festspielen mit seinem zwölfstündigen Shakespeare-Marathon «Schlachten» aufhorchen lassen.

Stuttgart (dpa) - Eigentlich müsste sich Luk Perceval als Meister langer Versionen auf der Bühne zu Hause fühlen. Der Regisseur hatte vor vier Jahren unter anderem bei den Salzburger Festspielen mit seinem zwölfstündigen Shakespeare-Marathon «Schlachten» aufhorchen lassen.

Mit seiner Inszenierung des viereinhalbstündigen Liebesdramas «Tristan und Isolde» konnte der Belgier zumindest die Stuttgarter Opernbesucher nicht vollkommen überzeugen. Während Perceval und sein Team aus Bühnenbildnern, Lichtdesignern und Dramaturgin zahlreiche «Buh»-Rufe ertragen mussten, konnten Ensemble und Orchester im starken Applaus der Staatstheater-Besucher baden.

Die Würfel sind zumindest bildlich bereits gefallen, noch ehe der erste Ton aus dem Orchestergraben erschallt: Ein überdimensionaler Holzkubus nimmt einen großen Teil der ansonsten leicht schräg angehobenen und verspiegelten Bühne ein. Das Schiff, das den verletzten Tristan zu Isolde und beide zurück an den Hof König Markes bringen soll? Oder einfach nur eine Leinwand für die Wortfetzen, die, dem Text Richard Wagners entnommen, auf das Holz projiziert werden? Beides bleibt ebenso unklar wie zunächst die Aufteilung des Ensembles, das noch vor dem Vorspiel die Bühne belebt, dort aber ebenso für Minuten erstarrt, wie es dies während der vier Aufzüge immer wieder tun wird.

Isolde (stimmlicher Mittelpunkt: Lisa Gasteen) mit schwarzem Kleid wie eine italienische Witwe und der ebenfalls schwarz tragende Tristan (trotz Sommergrippe überzeugend, aber ohne Heldenstatur: Gabriel Sadé, der erste israelische «Tristan» auf einer deutschen Bühne) werden begleitet von Marke (Raum füllend und schwer: Attila Jun) und Isoldes Vertrauter Brangäne (Michaela Schuster). Das Quartett, begleitet von Lothar Zagroseks großartig aufspielendem Orchester, setzt zumindest die Ohren einem Genuss aus. Für das Auge ist und bleibt das zeitlose Drama um das ewige Verlangen nach der endgültigen Liebe, um Schuld, Glück und Gewissensqual kein Vergnügen. Ebenso wenig wie die Bühne vom Inhalt verrät, müssen sich auch die Protagonisten gänzlich auf das Wort verlassen. Bewegung und Requisite: weitgehend Fehlanzeige.

«Neben der authentischen Kraft der Musik wirkt jede Form des Kommentars, der Illustration oder des Effekts für mich störend und für meine Fantasie hinderlich», erklärt Perceval diesen Regie-Schritt. Er wolle die Oper inszenieren, als «würde man sie auf dem Walkman hören, während man durch einen Bahnhof läuft». Perceval unterschlägt die Darstellung, vergisst dabei aber, dass diese - im Unterschied zu Vers oder Belletristik - gerade in Theater und Oper Gewicht besitzt. Nicht nur der Gesang, auch die Mimik ist Teil der Inszenierung. Dies gilt natürlich besonders, wenn - wie bei Stuttgarts «Tristan» - der Text in weiten Teilen akustisch oder inhaltlich nicht verständlich ist.

Ganze 40 Minuten verharrt Isolde klar singend, aber stocksteif auf einem Punkt wie bei einer konzertanten Aufführung; das brillant gesungene Liebesgeständnis im zweiten Akt wird zum Standbild, das Drama des Verrats zwischen den Freunden Tristan und Marke entbehrt jeder Spannung. Der Tod Melots oder Kurwenals wird ebenso fast übersehen wie die tödliche Messerattacke auf den Titelhelden.

«Lass den Tag dem Tode weichen», fleht Tristan schließlich, begleitet von den herrlich tragenden Emotionen der Bläser und Streicher aus dem Orchestergraben. Seine Isolde lässt den lediglich vokal-bewegenden Opernabend ausklingen, mit einer Überraschung: Als der Vorhang fällt, liegt sie keinesfalls tot neben ihrem Geliebten, sondern steht fest auf beiden Beinen.

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