Triumph der Freien Wähler bei der Landtagswahl
Freie Wähler: Von der Zuchtsau direkt ins Parlament

Auf dem Weg nach oben gibt sich Hubert Aiwanger ganz cool. Am Vormittag hat der breitschultrige Landwirt noch daheim auf dem Hof in Niederbayern die Stallarbeit verrichtet, nun steht er in Anzug und Krawatte im Aufzug des Bayerischen Landtags. Vollkommen entspannt sei er, beteuert der Landesvorsitzende der Freien Wähler in Bayern wenige Minuten vor Schließung der Wahllokale. Doch so ganz kann er die Anspannung doch nicht verbergen.

MÜNCHEN. „Der Aufzug nach Nirgendwo“, murmelt der 37-Jährige. Als wenige Minuten später die Prognose seinen Freien Wähler ein phänomenales, zweistelliges Ergebnis bei der bayerischen Landtagswahl prophezeit, nickt Aiwanger nur kurz.

Das Gesicht Aiwangers wird man in den nächsten Tagen noch öfters zu sehen bekommen. Im Stall mit den 20 Milchkühen und 50 Zuchtsauen hat er am gestrigen Wahlsonntag schon mal vorgearbeitet. Denn heute müssen die Freien Wähler diskutieren, was sie nun mit ihrem glanzvollen Ergebnis anfangen wollen.

Erst einmal aber darf die Basis nur wenige hundert Meter vom Landtag entfernt feiern. Sie gelten als ziemlich bürgerliche Protestbewegung, die Freien Wähler. An dunklen Holztischen sitzen die Mitglieder am Wahlabend im gediegen-rustikalen Ambiente des Unions-Bräus. Gelbe Windrädchen auf den Tischen for-dern „frischen Wind für Bayern“. Als die ersten Prognosen über den Bildschirm laufen, bricht der erwartete Jubel aus.

Marion Hälsig, stellvertretende Landesvorsitzende der Freien Wähler, hat sich ein fesches Landhaus-Dirndl angezogen für diesen historischen Tag, an dem erstmals eine freie Wählergruppierung in das Landesparlament einzieht. Aus dem weit entfernten Bruck in der Oberpfalz ist die rothaarige 36-Jährige angereist. „Die Versäumnisse, die die staatstragende Partei hatte, haben Unmut beim Bürger ausgelöst“, sagt sie etwas gedrechselt. Die CSU habe viele Fehler gemacht, die Freien wiederum hätten in den vergangenen Jahren auf kommunaler Ebene ihre Kompetenz unter Beweis gestellt.

Gar so lange ist Gabriele Pauli noch nicht dabei bei den Freien Wählern. Auf den ersten Blick mag dieser schillernde, umstrittene Politstar so gar nicht zu den eher biederen Freien Wählern passen. Am Anfang habe es natürlich gewisse Vorbehalte gegeben, räumt Pauli im Gespräch mit dem Handelsblatt ein. Nun aber habe man einen „unheimlich tollen Ge-meinschaftserfolg“ erzielt. Pauli hat an diesem Wahlabend das Café Maroni im fränkischen Zirndorf für ihre Feier reserviert. Hier hat sie schon des öfteren mit ihren Thesen für Aufsehen gesorgt. Erst als „schöne Landrätin“, dann als „CSU-Rebellin“ und schließlich als „Latex-Pauli“ (Bild-Zeitung). Nun also das erfolgreiche Comeback bei den Freien Wählern.

Was er nun anfängt mit den vielen Stimmen, das weiß auch Aiwanger noch nicht an diesem Abend. Eine Partei führt er ja nicht, sondern eine Gruppierung mit ziemlich vielen Meinungen. Aiwanger ist erst einmal zu Gesprächen mit allen anderen Parteien bereit. Seine Stellvertreterin Hälsig sagt: „Eine Koalition mit der CSU gibt es für mich nicht.“ Und Gabriele Pauli wiederum hätte am liebsten keine Parteien-Koalition, sondern eine Allianz gleichgesinnter Menschen im Landtag. Zumindest das wird wohl ein frommer Wunsch bleiben.

Axel Höpner
Axel Höpner
Handelsblatt / Büroleiter München
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