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Tropensturm „Jeanne“ verheerender als erwartet

Der katastrophale Tropensturm „Jeanne“ hat auf Haiti mindestens 650 Menschen in den Tod gerissen. Jedes dritte Opfer sei ein Kind, sagte der Sprecher der auf Haiti stationierten UN-Blauhelme, Toussaint Kongo Doudoun, am Dienstag.

dpa PORT-AU-PRINCE. Der katastrophale Tropensturm "Jeanne" hat auf Haiti mindestens 650 Menschen in den Tod gerissen. Jedes dritte Opfer sei ein Kind, sagte der Sprecher der auf Haiti stationierten UN-Blauhelme, Toussaint Kongo Doudoun, am Dienstag.

Die Opferzahlen dürften aber weit höher liegen. Mindestens 160 000 Menschen wurden obdachlos. Wie die Lage auf der Insel La Tortue mit 26 000 Einwohnern ist, war unklar. Ein Hubschrauber hatte die Insel am Sonntag nicht finden können. Das Desaster war am Wochenende über die Menschen hereingebrochen, als "Jeanne" über das Armenhaus Lateinamerikas hinwegfegte und weite Landstriche im Norden unter Wasser setzte.

Die Regierung erklärte die Region zum Katastrophengebiet und verkündete eine dreitägige Staatstrauer. Zudem bat sie das Ausland dringend um schnelle Hilfe. "Hier ist nur noch ein großer See", berichtete Haitis Interimspräsident Gerard Latortue nach einem Hubschrauberflug über Gonaives, mit 100 000 Einwohnern die drittgrößte Stadt des Landes. "Es ist eine wirkliche Katastrophe", sagte UN-Sonderbotschafter Adama Guindo.

Nach Angaben der Hilfsorganisation Care sind die Folgen des Sturms verheerender als ohnehin befürchtet. "Das ablaufende Wasser gibt immer neue Leichen frei", wurde die Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation zitiert. Allein in Gonaives wurden mehr als 500 Tote geborgen. Weitere 105 Tote zählten die Orte Port de Paix, Chansolmes, Gros-Morne, Pilate und Hennery.

Das Wasser stand zum Teil drei Meter hoch, Straßen waren unpassierbar und nach Augenzeugenberichten lagen überall Leichen. Die hygienische Lage wurde als katastrophal beschrieben. Menschen irrten im Schlamm herum und suchten verzweifelt ihre Angehörigen. Ein Mann bat Presseberichten zufolge die argentinischen Blauhelme, sieben ertrunkene Angehörige aus seinem Haus zu bergen. Auch ein Mitarbeiter von Care kam nach Angaben der Hilfsorganisation ums Leben. Er ertrank am Sonntag bei dem Versuch, andere aus den Fluten zu retten, teilte die Care mit.

Erst zu Jahresbeginn hatte es zahlreiche Tote bei blutigen Unruhen auf Haiti gegeben, ehe Präsident Jean-Bertrand Aristide das Land verließ. Im Juni kamen bei heftigen Überschwemmungen im Süden des Landes etwa 1700 Menschen um, 1600 wurden vermisst. Nun treffen die Naturgewalten die geschundene Bevölkerung zum zweiten Mal in diesem Jahr. Grund für die verheerenden Folgen heftiger Regenfälle ist die weitgehende Abholzung der Wälder des Karibikstaates. Das meiste Holz ist zu Holzkohle zum Kochen verarbeitet worden.

Die auf Haiti stationierten UN-Blauhelme und andere Hilfsorganisationen versuchten, trotz der Überschwemmungen zu den Überlebenden vorzudringen. Dringend benötigt würden Lebensmittel, Trinkwasser, Medikamente und Desinfektionsmittel. Nach Angaben von Care sind die ärmsten Bewohner am meisten betroffen. Viele von ihnen lebten an Berghängen und in sonst trockenen Flussläufen, die nun durch Schlammlawinen und blitzartig gestiegene Wasserpegel zu Todesfallen geworden seien.

"Haiti hat im vergangenen Jahr bereits erheblich unter Dürren, Überschwemmungen und politischen Unruhen gelitten", sagte Abby Maxman, Länderdirektorin von Care in Haiti. Diese weitere Katastrophe unterstreiche einmal mehr, wie wichtig nicht nur die Nothilfe, sondern auch langfristige Lösungen zur Überwindung der Armut seien. "Die Folgen der Flut werden weit schlimmer sein als die Dürreschäden", sagte Maxman. Schon jetzt leben rund 80 % der 7,5 Millionen Einwohner am Rande des Existenzminimums und selbst Grundnahrungsmittel sind für viele unbezahlbar.

Die UN setzte insgesamt 15 Hubschrauber zur Versorgung der Überlebenden ein. Auf dem Landweg traf ein erster Hilfskonvoi mit einer Tonne Lebensmittel und Medikamenten in Gonaives ein. Internationale Hilfsorganisationen riefen zu Spenden für die Opfer der Katastrophe auf.

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