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Trostpreise für Studenten

Wer am ersten Arbeitstag nicht an seinem Platz erscheint, fällt bei seinem neuen Arbeitgeber gemeinhin in Ungnade. Nicht so im kalifornischen Silicon Valley und anderen High-Tech-Zentren in den USA.

Dort sind viele Unternehmen derzeit froh, wenn sich neue Mitarbeiter überhaupt nicht blicken lassen - und zahlen ihnen dafür einen "Apology-Bonus", einen Entschuldigungs-Bonus.

Das Geld ist ein Trostpreis für Studenten, die ihren ersten Job los sind, bevor sie ihn angetreten haben. Denn wer an den Spitzen-Universitäten des Landes studierte, hatte in der Vergangenheit seinen Arbeitsvertrag bei einem Unternehmen der digitalen Wirtschaft oft schon vor dem Abschlusszeugnis in der Tasche. Die frisch gebackenen Absolventen machten sich dann hoffnungfroh auf ins Silicon Valley, um am Aufbau der New Economy mitzuarbeiten.

Noch vor wenigen Monaten tummelten sich Repräsentanten der Unternehmen auf den Job-Börsen der Unis und versuchten, so viele Verträge wie möglich geschwind unters Jung-Volk zu bringen - aus Angst, nicht genügend Talente zu finden. Doch vorbei sind die Zeiten, in denen jeder, der "Internet" auch nur halbwegs fehlerfrei buchstabieren konnte, einen hochbezahlten Job bekam. Hunderte von Dotcoms haben Tausende von Mitarbeitern entlassen, auch Giganten wie Cisco, Hewlett-Packard, Intel und Dell setzen massenweise Mitarbeiter vor die Tür oder verhängen strikte Einstellungsstopps.

Was also tun? Viele High-Tech-Firmen zahlen einen "Entschuldigungs-Bonus", der in der Umgangssprache auch schlicht "Verschwinde-Geld" genannt wird. Üblich sind 2 000 bis 5 000 Dollar, in einigen Fällen gibt es noch zwei Monatsgehälter oben drauf. Absolventen mit Zusatzqualifikationen können nach Ansicht von Personalexperten sogar noch mehr Bares raushandeln.

Das US-Wirtschaftsmagazin "Fortune" versorgte die abgewiesenen Studenten bereits mit Tipps, wie sie ihr Geld ausgeben können. Mit seinen wohl 8 000 Dollar Bonus könnte ein unerwünschter Intel-Programmierer drei Nächte in der besten Suite im Nobel-Hotel Ritz-Carlton auf Hawai verbringen. Ein von Dell versetzter Marketing-Manager könnte sich mit vier seiner Freunde auf ein Kreuzfahrtschiff begeben und von San Diego über den Panama-Kanal nach Miami schippern. Ein von Nortel abgewiesener Netzwerk-Administrator könnte sich einen einwöchigen Aufenthalt in der kalifornischen Wein-Region gönnen.

Keine schlechten Möglichkeiten, die Schmach der ersten Kündigung schnell wieder zu vergessen - und abzuwarten, bis die Wirtschaft wieder an Fahrt gewinnt.

Aber warum der Bonus? Die Unternehmen könnten die jungen Ex-Mitarbeiter-in-spe auch kostengünstiger nach dem ersten Arbeitstag entlassen und statt hartem Cash nur weiche Händedrücke austeilen. Doch die High-Tech-Firmen wollen es sich mit den potenziellen Nachwuchskräften nicht verscherzen. Denn sollte es mit der Wirtschaft bald wieder aufwärts gehen, werden High-Tech-Experten schnell erneut zur Mangelware. Und dann ist es gut, wenn mögliche Mitarbeiter nicht sofort den Telefonhörer fallen lassen, sobald sie hören, dass ihr ehemaliger Möchtegern-Arbeitgeber ihnen wieder einen Vertrag anbieten möchte - diesmal aber ganz ernsthaft.

Sollte sich der neue Mitarbeiter den ersten Arbeitstag dann allerdings ganz frech freinehmen wollen, wird das in diesem Fall die Chefs im Silicon Valley wohl vergrätzen.

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