Trotz begrenzter Kursrisiken raten Analysten Anlegern zum Abwarten
Noch kein Silberstreif an Asiens Börsen

Asiens Börsen wurden nach den Terroranschlägen in den USA und dem Beginn der Militärschläge gegen Afghanistan arg gebeutelt. Wichtige Indizes liegen nur knapp über ihren Tiefständen während der Asienkrise vor vier Jahren; viele Qualitätsunternehmen werden zum Buchwert gehandelt.

HONGKONG. "Unsicherheit" und "Volatilität" lauten die Lieblingswörter der Asien-Analysten. Sie versuchen fieberhaft zu errechnen, ob das verschlechterte wirtschaftliche Umfeld weitere Kursverluste nach sich ziehen könnte. Einige Optimisten schauen jedoch weit voraus - auf eine für Mitte 2002 erwartete Erholung der Weltwirtschaft. Dreht die Konjunktur, dürfte in Asien die Hausse besonders heftig ausfallen.

Derzeit trifft allerdings die Risikoscheu der Anleger die ohnehin krisengeschüttelten Länder Südostasiens besonders hart: Manilas Börse hat seit den Anschlägen in den USA 23,5 % verloren, die Kurse in Jakarta sind um 17 % eingebrochen. Auch an exportabhängigen, technologielastigen Märkten in Singapur, Seoul und Taipei überwiegen die Verluste. Angesichts der erwarteten Verschlechterung der Wirtschaftslage beim Hauptkunden USA halten Analysten diese Märkte für besonders anfällig für weitere Gewinn- und Kurseinbrüche.

Region im internationalen Vergleich defensiv

Doch lässt sich die Region nicht über einen Kamm scheren. Hongkongs Hang-Seng-Index hat die Verluste des Septembers inzwischen wett gemacht, Sydney liegt nur 3 % im Minus. Mit China, Indien und Australien bietet Asien sogar drei relativ sichere Börsenhäfen. Exporte spielen für diese Volkswirtschaften nur eine untergeordnete Rolle. Massive Konjunkturprogramme und eine starke Inlandsnachfrage dürften China in diesem Jahr zu 7,5 % Wachstum verhelfen. Indiens Wirtschaft soll um mehr als 5 % expandieren, Australien um mehr als 3 %.

Christopher Wood, Chefstratege von ABN Amro, hält sogar die ganze Region im internationalen Vergleich für defensiv. "Asien ist das Epizentrum globaler Deflation", argumentiert Wood, der immer mehr Anzeichen für die weltweite Ausbreitung des deflationären Trends sieht. Dieser sei in Fernost viel fortgeschrittener, und über einen Fall des US-Dollars könnte die Region das ersehnte Aufputschmittel Inflation importieren. Das reife Stadium des asiatischen Bärenmarkts und die immer noch nicht geplatzte "Kredit-Blase" in den USA machten andere Regionen verwundbarer, argumentiert der Analyst.

"Die Risiken für Asien bleiben im Rahmen", glaubt auch Manu Bhaskaran, Research-Chef von SG Securities in Singapur; die jüngsten Kursabschläge scheinen ihm übertrieben. Doch auch an Kassandra-Rufen mangelt es nicht: Hang Ong, Asienstratege bei Salomon Smith Barney, rechnet angesichts sinkender Unternehmensgewinne bis Ende 2001 mit fallenden Kursen. Anlegern rät er, die nächsten drei bis sechs Monate "ultra-vorsichtig" zu sein.

Keine Zeichen für Kursaufschläge

Selbst Wood gibt zu, dass die Märkte noch keine Zeichen erkennen lassen, Asienwerte bald mit einem Kursaufschlag zu bedenken. Allerdings glaubt er nicht, dass die Kurse unter das Niveau der Asienkrise rutschen werden. "Die Gefahr weiterer Einbrüche ist begrenzt, das Potenzial nach oben enorm", sagt er und rät, China und Indien überzugewichten. Anleger sollten sich auf Werte konzentrieren, die von der Inlandsnachfrage profitieren. In Indien gefallen Wood der Pharmakonzern Dr. Reddy, der Finanzwert HDFC und Nestlé India.

Mit einem durchschnittlichen KGV von zehn ist Asien für Markus Rösgen "zurzeit der billigste Markt der Welt". Fielen die Kurse auf das Niveau der Asienkrise, "wird es langsam Zeit zum kaufen", so der Asienstratege bei ING Barings. Doch solange keine Klarheit herrscht, wo sich der Konflikt in Afghanistan hinbewegt, ob und wie die Terroristen zurückschlagen und wie stark die US-Verbrauchernachfrage leidet, rät er: "defensiv bleiben und sich auf Dividenden konzentrieren". Er gewichtet Hongkong, China und Korea über und mag Banktitel, Versorger und Konsumzykliker.

Chris Tinker, Asienstratege der Deutschen Bank, rät zu einer Doppelstrategie: Sich kurzfristig aufs Schlimmste vorbereiten und defensiv bleiben, mittelfristig aber Position beziehen für bessere Zeiten. Bis sich die Risiken für die Unternehmensgewinne genauer kalkulieren lassen, müssen laut Tinker noch Wochen ins Land gehen. Erst dann könnten Anleger allmählich günstige Qualitätswerte aufstocken und sich auf eine Konjunkturerholung ab Mitte 2002 vorbereiten.

Er empfiehlt einen Blick auf Banken, vor allem in Südkorea, Telekom - und Immobilien-Titel und Mischkonzerne. Doch er fügt hinzu: "Es gibt keinen Grund zur Eile". In dem Defensiv-Portfolio gewichtet Tinker fürs erste nur Australien und China über. In China gefallen ihm der Ölwert Petrochina, Versorger Beijing Datang, Minenwert Yanzhou Coal und die Autobauer Denway Motors und Quingling. In Australien sind es der Ölkonzern Woodside, Rio Tinto und Bierbrauer Fosters.

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