Trotz des Trubels um E-Commerce-Firmen bleibt Sport.de in den Startlöchern
Sport.de: Internet-Sportler warten auf den Steilpass

Nach der Pleite des Netz-Shoppers boo.com träumt der Börsenaspirant Sport.de von besseren Zeiten. Sein Ziel verliert der Vorstand trotz des schlechten Klimas nicht aus den Augen: Die erste Sportaktie am Neuen Markt zu sein. Ein Termin wird aber immer noch nicht genannt.

DÜSSELDORF. Sport.de ist eigentlich ein Oldie in der sonst so jungen Online-Wirtschaft. Schon 1995 wurde das Unternehmen als einer der ersten deutschen Internet-Sportdienste in Betrieb genommen. Doch ob alt oder jung: Fünf Jahre später hat die Münchner Firma die gleichen Sorgen wie die Online-Babys. Alle müssen neuerdings vor der Börse zittern, für E-Commerce-Firmen ist das aktuelle Klima denkbar schlecht. Ausgerechnet jetzt, da die Sport.de AG endlich mit einem Steilpass an den Neuen Markt stürmen wollte, als erstes börsennotiertes Sportportal in Deutschland.

Der Vorstand hat das mit Spannung erwartete Spiel wiederholt hinausgezögert - wegen zu starken Gegenwinds: "Wenn derzeit selbst renommierte Werte wie Hyperwave mit Pauken und Trompeten durchfallen...", zuckt Vorstandschef Klaus Hommer mit den Schultern und bittet nervöse Altaktionäre um Verständnis.

Kein festes Datum um jeden Preis

Sport.de bleibe in Sachen Börsengang lieber in den Startlöchern und warte auf günstigere Internet-Zeiten: "Es kann in zwei Monaten sein, aber auch in fünf", hält sich Hommer einen festen Termin für das Going Public weiter offen. Man tue aber nach wie vor alles, um den erwarteten Vorteil ausnutzen zu können, als erste Sportaktie am Neuen Markt vertreten zu sein. "Nur eben nicht um jeden Preis", schränkt der 39-Jährige ein.

Spätestens seit der Pleite des Internet-Shoppers Boo.com hat sich die Stimmung für Sport.de und viele andere Börsenaspiranten gedreht. Die Zahl der Mahner, die vielen E-Commerce-Firmen die baldige Pleite prophezeien, wächst beinahe täglich. Auch die Münchner, die auf ihrer Website www.sport.de neben vielen Sportinformationen einen Onlineshop mit Hunderten von Sportartikeln betreiben, kann das Aus von Boo.com nicht kalt lassen. Von 31 Markenanbietern beim gestrauchelten Internet-Shopper stammte etwa die Hälfte aus dem Sportbereich,so die Handelszeitschrift "SAZ". Darunter waren so bekannte Namen wie Puma, New Balance, Converse, Quicksilver und Speedo.

Erfolg sei eine Frage des richtigen Gespürs, glaubt man bei Sport.de. "Wenn ich im Moment 100 000 Kickboards hätte, ich würde sie im Internet problemlos loskriegen", prophezeit Hommer. Man wisse zwar, dass es künftig im B2C-Sektor, dem Online-Verkauf an Privatkunden, sehr schwer wird. Hommer wehrt sich allerdings vehement gegen Pauschal-Prognosen: "Die derzeitige Kritik ist völlig undifferenziert, auf alles wird im Moment mit dem Vorschlaghammer gehauen." Bei all der Panikmache um neue Webfirmen werde nämlich vergessen, dass das Online-Konsumgeschäft bis 2005 weltweit auf rund 600 Mrd. DM anwachsen soll.

Sport.de will ein Stück von diesem Kuchen abbekommen. Neben dem Online-Shopping von Sportzubehör setzen die Münchner auf Sport- und Incentive-Reisen sowie auf Umsätze aus der Bannerwerbung. Bis zum Jahr 2002 sollen 75 % der Umsätze via E-Commerce generiert werden (aktuell 40 %). Über konkrete Zahlen schweigt sich der sportliche Internet-Pionier jedoch noch aus: Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen knapp 6 Mill. DM verdient. Einen Großteil der Umsätze soll aber die von Sport.de übernommene Werbeagentur Adnet erwirtschaftet haben. Im E-Commerce-Bereich spricht Hommer von ersten Erfolgen mit Incentive-Reisen. "Wir haben 250 Firmenmanager zum Formel-1-Rennen nach Budapest geschickt".

Nach außen hin stimmt der aktuelle Stand den Chef zufrieden. Dennoch verlieren sich noch immer zu wenige Surfer auf den Seiten von Sport.de. Die Qualität der aufbereiteten Sportinformationen wird von vielen Experten zwar für gut befunden, das größte Problem bleibt aber die mangelnde Bekanntheit der Website. 2,4 Millionen Seitenaufrufe im Juni reichen jedenfalls nicht, um den Online-Verkauf richtig auf Trab zu bringen.

Bis Jahresende werden drei Millionen Aufrufe pro Monat angepeilt. Während der deutsche Branchenführer Sport1 - mit 23 Millionen Seitenaufrufen im Juni - massiv Promotion durch seine Fernsehpartner Sat.1 und DSF erhält, muss sich der Wettbewerber im Alleingang einen zugkräftigen Markennamen aufbauen. Frisches Kapital aus dem bevorstehenden Börsengang soll da helfen. Ohne Kooperation mit einem TV-Sender wird der Markenaufbau allerdings Schwerstarbeit. Sport.de-Chef Hommer betont, dass man weiter Ausschau nach geeigneten Kooperationspartnern halte.

Unabhängig davon: Die Mischung aus Content und Commerce wird beim Sport-Dienstleister nach wie vor als erfolgversprechend angesehen. Mit Firmen wie Boo.com oder dem gefährdeten US-Internet-Sporthändler Fogdog will man nicht verglichen werden. "Wir haben nicht - wie viele andere - den Druck einer angespannten Cash-Situation. Und bei allem Internet-Hype sind wir eine Firma, die schon mal danach schaut, dass eine Mark, die man ausgibt, auch wieder reinkommen muss," sagt Hommer." So klingt Überzeugungsarbeit. Und die muss man derzeit nicht nur bei Sport.de leisten.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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