Trotz hoher Transparenz und harter Kostensenkungen bleiben Analysten und Anleger skeptisch
Unsicherheit hängt wie Blei an der Commerzbank-Aktie

Der Spruch "Banken verdienen immer - in guten wie in schlechten Zeiten" gilt schon lange nicht mehr. Auch und vor allem nicht für die Commerzbank.

FRANKFURT/M. Der drittgrößte deutsche Bankkonzern kämpft, ähnlich wie Dresdner und Hypo-Vereinsbank, mit dramatisch sinkenden Erträgen und viel zu hohen Kosten. Ein Kampf, der angesichts der Börsen- und Konjunkturflaute noch lange nicht beendet ist, und in dem der seit eineinhalb Jahren amtierende Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller trotz seiner ehrgeizigen Strategie und Durchsetzungskraft noch längst nicht als Sieger fest steht.

Diese lähmende Unsicherheit über die Zukunft der Commerzbank ist es, die wie Blei auf dem Aktienkurs lastet. In den letzten Tagen, nach der Bekanntgabe der Quartalszahlen, pendelte sich die Notierung bei 7,50 Euro ein. Das ist immerhin fast 50 % mehr als noch Anfang September, als Gerüchte über einen drohenden Liquiditätsengpass kursierten. Wer damals Nerven hatte und Commerzbank-Titel orderte, hat also in trüben Börsenzeiten einen stattlichen Gewinn gemacht. Aber der aktuelle Kurs ist immer noch weniger als die Hälfte dessen, was die Bank selbst als Buchwert angibt. Ende September lag dieser immerhin bei 16,60 Euro pro Aktie - ein Kurs, der im Moment schier unerreichbar scheint.

Der Cobank-Aktie fehlt schlicht jede Phantasie. Es ist unklar, wie das vierte Quartal und das nächste Jahr verläuft. Und es ist offen, ob überhaupt eine Dividende gezahlt wird. Nur Optimisten, die viel Geduld mitbringen, kann man zur Zeit zum Einstieg raten. Und zwar nicht wegen der vor einigen Wochen in London gestreuten Falschmeldungen, die Commerzbank stehe vor der Pleite. Sondern weil nicht absehbar ist, wann die Bank in dieser konjunkturellen Phase wieder echte Gewinne erwirtschaften kann, ob dies bis nächstes oder womöglich übernächstes Jahr dauert, oder schlimmstenfalls noch länger. Über der Commerzbank schwebt zudem - wie auch über anderen Instituten - das Damoklesschwert der unsicheren Börsenperspektive. Wenn die Kurse erneut einbrechen sollten, weil es eventuell in den USA und in Europa zu einer Rezession kommt, dann könnte es in der Tat für die ganze Branche brenzlig werden.

Positiv schlägt für die Commerzbank zu Buche, dass das Müller-Team offenkundig wild entschlossen ist, das jahrelang verschlafene Kosten- und Ertragsproblem endlich in den Griff zu bekommen. Müller hat gerade die zweite Kostensenkungsrunde eingeläutet, und man möchte ihm abnehmen, dass er diesen Weg unbeirrt fortsetzen wird. Auch sein Konzept, Spekulationen und Miesmacherei mit einem Höchstmaß an Transparenz zu begegnen, verdient Respekt. Müller hat da neue Maßstäbe gesetzt, etwa mit der Neuausweisung der Liquiditätskennziffer. Die Konkurrenz täte gut daran, diesem Vorbild nachzueifern.

Doch trotz aller vertrauensbildenden Maßnahmen, die Müller eingeleitet hat, trotz großer Entschlossenheit bei der Senkung der Betriebskosten und der Stärkung des Kerngeschäfts, trotz allem interessiert sich kaum ein Anleger für die Aktie und erst recht kein Käufer für die ganze Bank. Das vermeintliche Schnäppchen wirkt wie ein Ladenhüter.

Daran wird sich wohl auf absehbare Zeit nur wenig ändern, weil kaum Aussicht besteht, dass sich das wirtschaftliche und politische Umfeld bessert. Und weil auch nicht zu erwarten ist, dass die Sanierungsstrategie rasch Erfolge zeigt. Erst wenn sichtbar wird, dass die Kosten schneller sinken als die Erträge, wenn im Kerngeschäft wieder in nennenswertem Umfang Gewinne gemacht werden, erst dann kann sich die Commerzbank aus dem Börsenkeller verabschieden.

Hermann-Josef Knipper
Hermann-Josef Knipper
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