Trotz Kursrutsch zahlreiche Börsengänge
Briten glauben an „ihren“ Wachstumsmarkt

In der Baisse bekommen Börsengänge am britischen Aktienmarkt eine Chance. Aber auch den etablierten Standardwerten attestieren Analysten gute Erholungschancen.

cra/mm LONDON. Was die deutschen Anleger fast nur noch vom Hörensagen kennen, gehört in London nach wie vor zum Alltag: Börsengänge. Während die Tage des Neuen Marktes gezählt sind, erlebte das Wachstumssegment AIM (Alternative Investment Market) an der Londoner Börse seit Jahresbeginn 50 Neuemissionen. Die London Stock Exchange (LSE) stellt sich denn auch demonstrativ hinter ihren 1995 gegründeten Markt für kleinere Unternehmen. "Wir vertrauen voll auf diese Werte.", betont LSE-Sprecher Ian Campbell.

Der AIM ist, was Branchenzugehörigkeit und Größe der Unternehmen angeht mit dem Neuen Markt allerdings nur bedingt vergleichbar. Das britische Segment profitierte weit weniger vom Technologieboom, dafür ging es in der Baisse auch nicht so steil abwärts. Aber auch der AIM notiert mit seinen 691 Werten weit unter den Rekorden des Jahres 2000: Von knapp 3 000 Punkten sackte der entsprechende Marktindex auf rund 600 Zähler ab.

Insgesamt 335 Mio. Pfund spielten die 50 AIM Börsengänge seit Jahresbeginn ein. Die mit Abstand größte Neuemission war der Versicherer PRI Group mit einem Volumen von 131 Mio Pfund. Obwohl es im Jahresverlauf mit den Kursen allgemein bergab ging, ließ sich mit den PRI-Aktien Geld verdienen: Nach einem ersten Kurs von 115 Pence im Juli notiert der Versicherer heute bei 117,5 Pence.

Größere Börsengänge sucht man aber auch in Großbritannien derzeit vergebens. Zuletzt wagte sich das Modehaus Burberry im Juli mit einem Volumen von 1,1 Mrd. Pfund aus der Deckung. Der Ausgabepreis lag bei 230 Pence, heute ist die Burberry-Aktie nur noch gut 200 Pence wert. Für das vierte Quartal sind in Großbritannien, wie im restlichen Europa, keine größeren Börsengänge angesetzt. "So lange sich die Märkte nicht stabilisieren, haben große Neuemissionen kaum eine Chance", prognostiziert Sam Dean, Chef des europäischen Aktiensyndikats der Deutschen Bank.

Doch gerade an der Londoner Börse könnte sich das schnell ändern. Viele Analysten trauen den britischen Standardwerten in den kommenden Monaten eine Erholung zu. "Nach dem Kursrutsch sind viele Aktien günstig bewertet", meint etwa Benjamin Broadbent, Senior European Economist von Goldman Sachs. Bei einigen Aktien liege die Dividendenrendite inzwischen über den Renditen am Anleihemarkt. Deshalb sei er "ziemlich optimistisch", was den Aktienmarkt angehe.

Eine Stütze der britischen Börse waren bislang die anhaltend hohen Konsumausgaben. Lebensmittel, Getränke und Tabak gehören denn auch zu den Branchen, die in den vergangenen zwölf Monaten im FTSE-100 noch im Plus lagen. Viele Analysten erwarten aber, dass sich die britischen Verbraucher künftig stärker zurück halten. Auch Broadbent vertritt diese Meinung: "Ein Rückgang der Konsumausgaben hätte mit Sicherheit Auswirkungen auf die relativen Bewertungen am Aktienmarkt". Der Volkswirt erwartet deshalb einen Favoritenwechsel, weg von konsumorientierten Werten hin zu Industrietiteln.

Zu den Branchen, die er bevorzugt, zählen neben der Papier- und Metallindustrie auch IT-Werte. Den Versicherern, die besonders stark unter dem Kursverfall am Aktienmarkt gelitten haben, traut er ebenfalls eine Erholung zu. "Sollte es mit den Kursen insgesamt wieder aufwärts gehen, dann springen auch die Versicherungswerte wieder an". Dagegen hält Broadbent britische Banken derzeit für riskant. Vor allem das starke Engagement am Hypothekenmarkt bereitet dem Goldman-Sachs-Volkswirt Sorgen.

Sein Kollege Khuram Chaudhry, Aktienstratege bei Merrill Lynch, geht ebenfalls von einer Abschwächung des Konsums aus. Allerdings hält Chaudhry einen nachhaltigen Trendwechsel hin zu weniger konsumabhängigen Titeln für wenig wahrscheinlich: "Wir glauben nicht an einen plötzlichen Einbruch, sondern gehen von einem weitgehend stabilen Niveau aus. Zudem habe die Bank of England noch Spielraum, um mit einer weiteren Zinssenkung für Belebung zu sorgen. Der britische Leitzins liegt mit 4 % seit elf Monaten auf einem 38-Jahrestief.

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