Trotz voller Auftragsbücher sinken die Margen bei den Bahn-Zulieferern
Bahnindustrie vor weiterer Konzentration

In der Bahnindustrie tobt ein Übernahmekampf um hoch spezialisierte Zulieferer. Ähnlich wie in der Automobilindustrie entstehen qualifizierte Systemlieferanten, die den Markt unter sich aufteilen werden.

DÜSSELDORF. Die mittelständischen Zulieferer der Bahnindustrie müssen um ihre Selbstständigkeit bangen. Viele Betriebe werden nach Brancheneinschätzungen nur unter Konzerndächern überleben können. Zwar haben die drei großen europäischen Systemhäuser der Verkehrstechnik, Alstom, Bombardier und Siemens, volle Auftragsbücher. Doch sinkende Margen erhöhen den Druck auf die Lieferanten.

Von "Brutalstverträgen" ist die Rede. Reihenweise, sagte der Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens dem Handelsblatt, habe er sie "in den Papierkorb" geworfen. "Wenn da einer schwächelt, kommt gleich ein anderer und kauft auf." Auch Michael Clausecker, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Bahnindustrie (VDB) ist sicher: "Eine weitere Konzentration wird unausweichlich sein." Am Branchenumsatz der Mitgliedsfirmen - 7,7 Mrd. Euro in 2001 - seien die etwa 80 Zulieferer zu einem Drittel beteiligt.

Der Übernahmeprozess läuft auf vollen Touren. So erwarb die Münchener Knorr Bremse AG, Weltmarktführer für Bremsen bei Schienen- und Nutzfahrzeugen, vor Jahresfrist den Lkw- Bremsenspezialisten Bendix aus dem Honeywell-Imperium. In diesem Sommer kam eine Fachfirma für automatische Türsysteme, die IFE AG, hinzu - Knorr diversifiziert bereits in diesem Segment, aber auch in der Klimatechnik und bei Informationssystemen.

Auf dem Vormarsch in der Bahntechnik ist auch die Vossloh AG im sauerländischen Werdohl. Sie trennte sich kürzlich von ihrer Sparte Lichttechnik. "Vossloh neu", so Vorstandschef Burkhard Schuchmann, werde ein reiner Verkehrstechnologiekonzern. "Wir wollen in überschaubare Spezialmärkte", sagte Schuchmann dem Handelsblatt - und widersprach anders lautenden Branchenvermutungen: "Wir werden nicht gegen die Systemhäuser angehen, dazu fehlt uns die Größe."

Vossloh ist europäischer Marktführer bei Diesellokomotiven und neben anderen Sparten auch im zukunftsträchtigen Finanzierungsgeschäft von Schienenfahrzeugen engagiert. Das börsennotierte Unternehmen wird eines der Filetstücke der kränkelnden Verkehrstechnikgruppe Schaltbau AG erwerben - die in der Branche hoch angesehenene Kiepe Elektrik. Der Düsseldorfer Betrieb ist Spezialist für elektrische Antriebe insbesondere von Straßenbahnen und Trolleybussen. Zudem übernahm Vossloh die französische Gleisbau- Gruppe Cogifer.

Bei den drei Branchenriesen wird die Konzentration der Zulieferer mit gemischten Gefühlen gesehen. "Natürlich sind uns starke Partner auf der Lieferantenseite in finanzstarken Häusern lieber als Wackelkandidaten", beschreibt Hans-Jürgen Jabs, Chef der deutschen Konzerntochter Alstom LHB in Salzgitter. "Doch wir wollen nicht, dass sich Monopole bilden."

Das will auch Karl-Friedrich Rausch nicht, Technik-Vorstand des derzeit größten Branchenkunden Deutsche Bahn. Sein Ziel ist ein innovativer Wettbewerb in der Bahntechnik mit "einer Hersteller übergreifenden Standardisierung": Größere, typische Bauteile - z. B. Antriebe, Laufwerke, Inneneinrichtung - sollen wie aus einem Baukasten zusammengefügt werden. Und dann will die Bahn unter mehreren Zulieferern auswählen. Rausch: "Wie in der Luftfahrt - ganz gleich, ob Sie bei Boeing oder Airbus kaufen, Sie haben immer die Möglichkeit, Ihre Flugzeuge mit den Triebwerken unterschiedlicher Hersteller auszurüsten."

VDB-Geschäftsführer Clausecker erwartet bei den Zulieferern einen tief greifenden Strukurwandel: "Die Hersteller werden sich Systemlieferanten suchen, die ihnen fertige Subsysteme komplett getestet und einbaufertig liefern. Da muss auf der Zuliefererseite mehr Verantwortung übernommen werden." Ähnlich sieht das Herbert Zimmermann, Geschäftsführer des Fachverbandes Elektrobahnen und-fahrzeuge im ZVEI: "Die Analogie zu den Prozessen in der Automobilindustrie ist unverkennbar."

Der Konzentrationsprozess werde, so Vossloh-Vorstand Schuchmann, "immer mehr grenzüberschreitend werden" - nicht zuletzt im Interesse der Bahnen an international einsetzbarer Technik. Trotz aller "Fusionitis" gebe es nicht immer gleich Übernahmen. "Wir haben Partner", so Schuchmann, "mit denen wir so gut kooperieren, dass wir gar nicht auf die Idee kämen, sie zu kaufen."

Quelle: Handelsblatt

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