Trotz wachsender Forschungsausgaben sinkt die Produktivität der Branche
Pharmaindustrie am Wendepunkt

Nach einem Jahrzehnt fetter Gewinne und ungebremsten Wachstums sind die Zeiten für europäische Pharmakonzerne über Nacht härter geworden. Zum einen läuft bei den Firmen der Patentschutz auf umsatzstarke Medikamente aus. Zum anderen sind die Pipelines längst nicht mehr so gut gefüllt wie ehedem.

Nach einem Jahrzehnt fetter Profite und ungebremsten Wachstums sind die Zeiten für die europäische Pharmaindustrie über Nacht magerer geworden. Die Bayer AG plant zum Beispiel, weitere 7 % ihrer Pharmastellen abzubauen als Reaktion auf die Rücknahme ihres verkaufsstarken Cholesterinsenkers Lipobay/Baycol. Roche baut ebenfalls Stellen ab, weil die Umsätze zurückgehen. Die Papiere der britischen Glaxo Smithkline Plc sind seit Januar um knapp 20 % gefallen. Und das ist erst der Anfang.

Analysten der Investmentbank J.P. Morgan Chase prognostizieren, dass mehrere große europäische Pharmahersteller - darunter Glaxo , Astra-Zeneca PLC, Aventis SA, Novo Nordisk AS und die Schering AG - in diesem oder im kommenden Jahr ihre Gewinnprognosen nach unten korrigieren müssen.

Woher kommt dieser Blues, der eine ganze Branche erfasst? Alle großen Pharmakonzerne haben derzeit mit einem drängenden Problem zu kämpfen: Eine große Zahl von Patenten läuft demnächst ab. In den kommenden fünf Jahren wird die Pharmabranche Patente im Wert von mehr als 40 Mrd. Euro an die Hersteller von Nachahmerprodukten (Generika) verlieren. Zugleich wachsen die Anstrengungen, die Lücken durch eine neue Generation von umsatzstarken Medikamenten zu füllen. Und obwohl bislang vor allem US-Firmen Schläge einstecken mussten, haben auch die Europäer einiges zu verlieren.

Astra-Zeneca Plc beispielsweise hat zwar eine der am besten gefüllten Pipelines der Branche, in der sich unter anderem der Cholesterinsenker Crestor befindet. Aber dem Konzern steht eine harte Prüfung bevor: Er verliert in den nächsten Jahren Patente auf Medikamente, die allein im Jahr 2000 mehr als 8 Mrd. $ Umsatz einbrachten. Der größte Verlust wird das Auslaufen des Patentschutzes für das Blockbuster-Medikament Prilosec gegen Magenerkrankungen sein, das 2001 etwas mehr als ein Drittel des Konzernumsatzes einspielte.

Die Bayer AG steht unter noch größerem Druck. Nicht nur dass ihre Verkaufsschlager, das Antibiotikum Cipro und das Blutdruckmittel Adalat, bald Konkurrenz durch patentfreie Nachahmerprodukte bekommen. Der Konzern geriet auch in die Kritik, als er seinen Cholesterinblocker Baycol/Lipobay wegen gefährlicher Nebenwirkungen aus dem Verkehr ziehen musste. Nicht viel besser ergeht es Glaxo Smithkline: Der Konzern wird im kommenden Jahr voraussichtlich bei vier Medikamenten den Patentschutz verlieren und damit Jahresumsätze von knapp 3,9 Mrd. $ in den USA einbüßen.

Über diese Entwicklungen weiß man in der Branche freilich schon lange Bescheid. Denn der Patentschutz für Medikamente greift mehrere Jahre, bevor Generikahersteller konkurrieren dürfen. Doch aktuell treffen die Ausfälle die Pharmaunternehmen besonders hart. Ihre Pipelines sind längst nicht mehr so gut mit Ersatzmedikamenten gefüllt wie vor einigen Jahren.

Obwohl Pharmakonzerne 2001 rund 30 Mrd. $ für Forschung und Entwicklung ausgaben - mehr als dreimal so viel wie vor zehn Jahren -, haben sie nur 24 neue Medikamente auf den Markt gebracht, halb so viel wie 1996. Und noch ein Grund begünstigt den Blues: Die Gesundheitsminister vieler Länder drängen Patienten zunehmend dazu, auf Generika auszuweichen - die sind billiger und entlasten die Krankenkassen.

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