Trotz Widerstand bei Verbänden und Pendlern gegen neue Tarife
Bahn baut auf neues Preissystem

Massive Kritik am neuen Preissystem, dazu ein komplett neuer Fahrplan, der auch nicht unumstritten ist: Doch die Bahn hofft auf einen Neustart mit Millionengewinnen.

DÜSSELDORF. Fahrgast-Verbände wie "Pro Bahn" und "Verkehrsclub Deutschland" (VCD) laufen seit Wochen Sturm, Pendler äußern ihren Unmut in Leserbrief-Spalten und Internet-Chats. Und bei der Stiftung Warentest gab es für das vom kommenden Sonntag an geltende neue Preissystem der Bahn nur ein "ausreichend". "Wir erwarten von der Politik, dass sie auf Nachbesserungen dringt", forderte der VCD. Doch die Bahn kündigte gestern an, das neue Preissystems erst nach einem Jahr überprüfen werde.

Die Kritik entzündet sich im wesentlichen immer wieder daran, dass mit dem neuen Preissystem die bisherige Bahn-Card mit ihrem 50 %-igen Rabatt abgeschafft wird. Vor allem Stammkunden, insbesondere Wochenend- Fernpendler, sehen sich benachteiligt. Denn die neue Bahn-Card gewährt nur 25 % Nachlass. Und die neuen "Plan & Spar"-Preise, die zusätzliche Rabatte einräumen, kann nur derjenige nutzen, der sich auf einen bestimmten Zug festlegt.

Das aber sehen viele Pendler als Nachteil. Denn bisher steht ihnen jeder Zug offen. "Das Rabattierungssystem ist ein reines Blendfeuerwerk, das von der saftigsten Preiserhöhung ablenken soll", erbost sich ein ungenannter Bahnkunde im Internet-Chat. "Es ist einfach nicht mehr drin, sich zum Beispiel kurzfristig zu entscheiden, zwei Stunden später zu fahren", beklagt ein anderer: "Oder man lässt es einfach und fährt mit dem Auto."

Christoph Franz, Personenverkehrsvorstand der Deutsche Bahn AG, gibt sich trotz der Kritik unbeirrt. Gemessen an der Gesamtzahl der Fahrgäste sei die Zahl der betroffenen Kunden, die tatsächlich Nachteile haben, gering. "Denn schon der Normalpreis wird auf langen Strecken um bis zu 25 Prozent geringer. Wer sich früh auf eine Zugverbindung festlegt, kann bis bis zu 40 Prozent sparen. Des weiteren ist der BahnCard-Rabatt mit allen anderen Rabatten des Fernverkehrs kombinierbar. Viele der heutigen Kritiker haben gar nicht bedacht, dass sie ihre Bahn-Card ja auch für andere Reisen nutzen können und die neue Bahn-Card wesentlich weniger kostet", sagte Franz dem Handelsblatt.

Die Bahn rechnet damit, dass ihr das neue Preissystem in großem Umfang neue Kunden bescheren wird. Nach einer Anlaufphase im kommenden Jahr will der Chef der DB Reise & Touristik AG ab 2004 jährlich wenigstens 100 Mill. Euro mehr in der Kasse haben. Damit würde sich die Investition in das System und in die Mitarbeiterschulung, die bei 200 Mill. Euro liegt, innerhalb kurzer Zeit amortisieren. "Da das neue Preissystem kaum Folgekosten hat, geht der Mehrerlös voll ins Ergebnis", betonte Franz. "Wir erwarten einen kräftigen Sprung bei der Umsatzrendite." Die Gewinnerwartung sei "eine harte Zahl", errechnet in umfangreichen Marktuntersuchungen.

Hinzu komme der am Sonntag bevorstehende "Jahrhundertfahrplanwechsel". Die Neuordnung des Fernverkehrs mit der vollständigen Integration der ICE-Strecke Köln-Frankfurt ins Fahrplanangebot führe nach einer Anlaufphase ebenfalls zu Umsatzsteigerungen in dreistelliger Millionenhöhe.

Messen lassen muss sich die Bahn allerdings daran, ob sie ihre Innovationen im vorweihnachtlichen Reiseverkehr reibungslos starten kann. Hinsichtlich des Preissystems äußerte sich Franz gelassen. Der Vorverkauf laufe bereits seit 1. November und sei eingespielt. Für die Verkäufer werde es ab Sonntag einfacher: "Die Doppelbelastung alter und neuer Tarif hört auf."

Doch der Fahrplanwechsel gilt zumindest bahnintern als nicht unproblematisch. Die völlige Umstrukturierung des Intercity-Systems, in dem dann ab Sonntag drei bis vier ICE pro Stunde über die Neubaustrecke Köln- Frankfurt geschleust werden, ist dabei nur ein Faktor. Hinzu kommt, dass in Nordrhein-Westfalen das Nahverkehrsangebot mit weiteren Linien im festen Fahrplantakt deutlich ausgeweitet wird. Zum neuralgischen Punkt kann dabei der Bahnknotenpunkt Köln werden, wo heute schon die Züge bei Verspätungen im Stau stehen.

VCD-Sprecher Daniel Kluge bemängelte denn auch das hohe Verspätungsrisiko auf der neuen ICE-Linie. Karl-Peter Naumann von "Pro Bahn" kritisierte, dass viele Direktverbindungen etwa zwischen Köln und München bzw. Basel künftig entfallen, weil die ICE-Flotte zu klein sei. Personenverkehrschef Franz räumte ein, dass die neue Linie Köln-Frankfurt im Nordabschnitt zwischen Siegburg und Köln noch bis Ende 2003 Engpässe habe. Die Fertigstellung habe sich hier aus finanziellen Gründen verzögert.

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