Truppenaufmarsch im Westjordenland konterkariert amerikanische Strategie im Kampf gegen den Terror
Kommentar: Scharon beschwört eine schwere israelisch-amerikanische Krise herauf

Mag sein, dass in ein paar Jahren der Aufmarsch der israelischen Armee im Westjordanland im historischen Rückblick als die Initialzündung eines sechsten israelisch-arabischen Krieges betrachtet wird. Die Gefahr eines solchen Flächenbrandes besteht: In Israel kreisen die ersten Gerüchte, Premier Scharon bereite sein Land auf einen Krieg vor.

HB DÜSSELDORF. Jetzt schon aber ist abzusehen, dass die schroffe Abfuhr, die Scharon derzeit US-Präsident Bush in seinem dringendem Wunsch zur Mäßigung erteilt, eine neue Epoche in den Beziehungen zwischen den beiden ewigen Bündnispartnern einläutet. Noch nie hat ein israelischer Premier derart dreist auf eine gleichermaßen konkrete wie essenzielle Forderung aus Washington, sprich den Abmarschbefehl aus den palästinensischen Autonomiegebieten, gepfiffen.

Und die Lage für Bush ist ernst, droht die Eskalation im Nahostkonflikts doch die ohnehin poröse Anti-Terrorkoalition gegen Osama bin Laden und die Taliban zu sprengen. Wenn es auch gemeinhin mit der panarabischen Solidarität nicht weit her ist, ein derart harsches Vorgehen der Israelis gegen Palästinenser lässt die Emotionen in der arabischen Welt hochkochen. Der Druck der Straße könnte einige der prowestlich eingestellten Staaten wie Saudi-Arabien, Ägypten, Jordanien und nun auch Pakistan ins Wanken bringen und zum Austritt aus der Anti-Terror-Allianz zwingen. Die Legitimität des militärischen Einsatzes der USA in Afghanistan wäre zumindest in der Region empfindlich getroffen. Eine Ausdehnung von Bushs Anti-Terror-Feldzug auf den des Bio-Terrors bezichtigten Irak etwa würde unter solchen Voraussetzungen die ganze Region destabilisieren. Mit anderen Worten: das Verhalten Scharons konterkariert auf der ganzen breite die Strategie Washingtons.

Was nun mag das Motiv Scharons sein, gerade in der jetzigen Zeit eine tiefe Krise des israelisch-amerikanischen Beziehungen zu riskieren? Ist es eine Reaktion auf Bushs Gereede von der Vision eines Palästinenserstaates? Rational lässt sich Scharons Verhalten schwerlich erklären. Denn wie steht Israel da in einer Region umzingelt von Feinden, wenn sich sein großer Schutzpatron beleidigt abwendet? Wie werden die arabischen Staaten reagieren, wenn sie ihren Erbfeind derart geschwächt sehen? Zwar hat das militärisch weit überlegene Israel auf dem Schlachtfeld wenig zu befürchten. Doch spätestens seit dem 11. September dürfte klar sein, dass ein Staat mit anderen Mitteln in die Knie gezwungen werden kann. Wer sollte das besser beurteilen können als das leidgeprüfte Israel und sein Terrorsimus-erfahrener Premier selbst?

Illlusion der militärischen Lösung

Der Ex-General scheint sich immer noch der Illusion hinzugeben, der Nahost-Konflikt ließe sich mit militärischen Mitteln lösen. Vielleicht benutzt Scharon die Ermordung seines Tourismusministers gar als willkommene Gelegenheit, die palästinensische Autonomiebehörde in Schutt und Asche zu legen und den Palästinenserpräsidenten ohne Staat endlich ins Exil zu schicken.

Sein Kalkül: Nach einem Sturz Arafats würden die radikalislamischen Organisationen wie Hamas oder Dschihad die Regie übernehmen. Und es ist schwerlich vorstellbar, dass den Führern dieser Gruppen in Washington der rote Teppich ausgerollt werden würde. Arafats durchaus virtuos betriebenes Unterfangen, den Nahost-Konflikt zu internationalisieren, wäre endgültig gescheitert. Scharon, der den Konflikt als bilaterale Angelegenheit verstanden wissen will, hätte zumindest langfristig eher die Chance, freie Hand für seine Politik gegenüber den Palästinensern zu erlangen.

Was der Hardliner allerdings außer acht lässt, sind die unmittelbaren Reaktionen sowohl der islamischen Staaten als auch des Westens. Niemals würde sie eine solche Politik Israels zulassen. Eine Streichung der westlichen Wirtschaftshilfe für Israel wäre die Folge, eine wie auch immer geartete Annäherung der Konfliktparteien auf absehbare Zeit undenkbar.

Keine Frage, der bald ein Jahrhundert lang währende Konflikt ist derzeit vertrackter als je zuvor - auch eine Folge des Afghanistan-Krieges. Geradezu wie eine Ironie des Schicksals wirkt die Tatsache, dass mit der jetzigen Eskalation genau das einzutreten droht, was bin Laden herbeisehnte als in seiner Video-Botschaft die palästinensische Karte spielte: eine Radikalisierung der islamischen Welt. Eine Befreiung Palästinas hatte bin Laden allerdings nicht im Sinn, als er Amerika angreifen ließ.

Über die diplomatischen Aktivitäten von Außenminister Joschka Fischer, der heute in Jerusalem erwartet wird, sollte man sich keine Illusionen machen. Auch der viel gerühmte "Personality-Faktor" Fischers wird weder Scharon zum Truppenabzug bewegen noch Arafat davon überzeugen können, die Schuldigen des Mordes an den israelischen Minister auszuliefern. Israels Premier wird sich hüten, dem diplomatischem Zwerg EU das zuzugestehen, was er der einzigen Weltmacht standhaft verweigert. Und Arafat, dem nun sowohl von außen als auch von innen her der Sturz droht, kann sich eine weitere innenpolitische Schwächung kaum leisten.

Europa kann im Nahost-Konflikt derzeit kaum etwas bewirken.

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