Tschador, Niqab oder Burka
Wie viel Gesicht muss sein?

In Großbritannien eskaliert nach Äußerungen des ehemaligen Außenministers Straw der Schleierstreit. Sogar den englischen Bischöfen platzte jetzt der Stehkragen.

LONDON. In Liverpool wurde einer 49-jährigen Muslimin der Gesichtsschleier weggerissen, dann wurde sie wüst beschimpft - und der ehemalige Außenminister Jack Straw ist schuld. Seine Verurteilung des Gesichtsschleiers "hat zum Zusammenbruch der Gemeinschaftsbeziehungen geführt", schimpfte der Sprecher der radikalen Muslimorganisation Hizb ut-Tahir, Imra Waheed. Auch Straws Kabinettskollege John Prescott glaubt, dass Straw "Vorurteile geschürt hat".

Doch auf der BBC-Homepage ging alle vier Sekunden eine Zuschrift zum Schleierstreit ein - fast ausnahmslos Lob für Straw. Wenigstens hatte Anila Blaig mit ihrem Gesichtsschleier keine Probleme. Die Mitarbeiterin der "Sun" schaffte es im "Niqab", der nur einen Augenschlitz freilässt, unbehelligt bis Paris. Auch bei den Pass- und Sicherheitskontrollen auf dem Flughafen Leeds wollte ihr niemand ins Gesicht sehen. Obwohl es doch guter englischer Brauch ist, wie Straw befand. "Es ist fundamental für die Beziehungen zwischen den Menschen, dass man die Gesichter sehen und sich grüßen kann."

Fotos und Grafiken in den Medien helfen nun , die verschiedenen muslimischen Verschleierungsformen auf die Straw-Kriterien hin zu überprüfen. Dschhijab, Tschador und Khimar lassen das Gesicht frei und sind akzeptabel. Der Niqab mit dem Schlitz oder gar die von den Taliban hoch geschätzte Burka mit dem Augengitter nicht. Straw sieht in dem Gesichtsschleier eine "Bekundung der Abgrenzung und des Andersseins". Phil Woolas, Minister für Rassenharmonie, bat Muslime um Verständnis, dass andere den Gesichtsschleier "einschüchternd und furchterregend" finden. Aber Muslime in Straws Wahlkreis Blackburn wollen nun dessen Karriere "ruinieren".

Großbritannien galt einmal als vorbildlich für seine ethnische Harmonie - wenn es nicht gerade Straßenschlachten in Bradford oder Oldham gab. Doch die letzte Woche brachte wieder nur Rückschläge für das alte Multikulti-Ideal. Ein muslimischer Taxifahrer wurde vor Gericht zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er sich weigerte, einen Blinden mit "unreinem" Blindenhund zu befördern. Trotz 2 000 Euro Strafe werde er es wieder tun, gelobte er heilig. Mitfühlender war die Polizei, die einen muslimischen Polizisten aus Gewissensgründen vom Wachdienst bei der israelischen Botschaft befreite. Aber auch das gab einen Aufschrei der Entrüstung.

Nun platzte sogar den englischen Bischöfen der Stehkragen. Seit Jahren versuche man, Muslime durch "privilegierte Aufmerksamkeit" zu integrieren, und erreiche nur das Gegenteil, heißt es in einem dem "Sunday Telegraph" zugespielten internen Papier der anglikanischen Bischofskonferenz. Man habe radikale Prediger auf Staatskosten eingeflogen, das Gesetz zum Verbot von Zwangsehen auf die lange Bank geschoben - und nur "noch größere Abgrenzung" geerntet. Englands Starschriftsteller Martin Amis stimmt zu. England habe "eine ziemlich gute multikulturelle Gesellschaft. Nur der Islam will sich nicht einfügen".

Viele Briten fragen misstrauisch, warum junge Mädchen, die in Bradford oder Leeds geboren sind und in breitesten Lokalakzenten sprechen, plötzlich heiliger gewandet einhergehen müssen als Frauen in Pakistan oder Iran. Dabei ist die Antwort so einfach. Die junge Muslimin Nadia Ajibade erklärte es der BBC: "Ich suche die Nähe zu meinem Herrn."

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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