Tschechien hat viele Wendungen gemeistert
„Wir sind Eurorealisten, keine Skeptiker“

Tschechien hat auf dem Weg in die Europäische Union viele Wendungen erlebt - und seine Probleme immer wieder gemeistert.

PRAG. Am Franz-Kafka-Platz in der Prager Altstadt sitzt Petr Kuzel in einem Büro mit einem merkwürdigen Treppenhaus: Eine steile, dämmrige Stiege geleitet in den ersten Stock des alten Hauses, wo ein enges Wartezimmer mit kleinen Fenstern liegt; dann geht es über Gänge und Treppen weiter nach oben, als nähme der Weg gar kein Ende. Als keiner es mehr erwartet, eröffnen sich die letzten Stufen, und Petr Kuzel erscheint: ein streitbarer Vierziger mit spärlicher werdendem Stoppelhaar und Stoppelbart.

Bau-Mittelständler Kuzel steht der Wirtschaftskammer der Stadt Prag vor - und gehört zu den wenigen Wirtschaftslobbyisten seines Landes in Brüssel. Dort wurde erst 2002 eine Lobby-Vertretung tschechischer Unternehmen eröffnet, kurz "Cebre" genannt. Wie der griechische Höllenhund Zerberus soll Cebre darüber wachen, dass keine wichtige Nachricht unbemerkt an Tschechiens Firmen vorübergeht.

"Unsere Politiker sehen die EU etwas anders als wir Unternehmer. Deswegen müssen wir uns selbst um Informationen aus Brüssel kümmern", findet Kuzel. Aus den Worten spricht ein verbreitetes Misstrauen der Tschechen gegenüber ihrer Politik. Deren Weg von der "Samtenen Revolution" anno 1989 bis in die rauen Gefilde der EU anno 2004 war ähnlich wendungsreich wie der Aufstieg zu Kuzels Büro.

Die dämmrige Stiege: In der Morgendämmerung der Reformen nach 1989 schien es mit Prag steil bergauf zu gehen. Als Premierminister liberalisierte der Ökonomieprofessor Vaclav Klaus in Windeseile den Handel, privatisierte viele Staatsfirmen in die Hände des Volkes, gab nationalisiertes Eigentum an die Eigentümer von 1948 zurück und vollzog 1993 eine "Samtene Scheidung" zwischen Tschechien und der Slowakei. Geführt von Klaus - aber auch dem Dichter, Dissidenten und Staatspräsidenten Vaclav Havel - drehte sich Tschechien völlig nach Westen und erschien bald als Primus der Region.

Das Wartezimmer mit Fenster: Die Ernüchterung kam 1995 - und stürzte das Land in eine Krise. Es kam zum offenen Bruch zwischen Havel und Klaus. Streit um die Pfründe der Privatisierung lähmte den Reformeifer. Die Massenprivatisierung ertrank in Skandalen. Auslandsinvestoren wurden verprellt und mieden das Land. Und selbst die Währung des Landes, die Krone, geriet ins Straucheln. Premier Klaus stürzte 1997 über eine Parteispendenaffäre und den Bruch seiner eigenen Bürgerpartei. Der Primus drohte zum Nachsitzer zu werden. Die engen Gänge und Treppen: Die Folgeregierungen nach Klaus - zuerst um den Notenbanker Josef Tosovsky, dann um den sozialdemokratischen Ökonomen Milos Zeman - machten 1998 Kehraus und brachten das Land auf EU-Kurs. Sie sanierten marode Banken und ließen das Land mit Auslandsinvestitionen gedeihen. Die Wirtschaft wuchs und Tschechien kehrte auf die vorderen Ränge der Reformstaaten zurück.

Die letzten Stufen: Nun führen der sozialdemokratische Premier Vladimir Spidla und der christdemokratische Außenminister Cyril Svoboda das Land in die EU. Das Volk gab ihnen dazu in einem Referendum mit mehr als 77 % Ja-Stimmen einen klaren Auftrag. Klarer, als Umfragen erwarten ließen - denn die Tschechen galten als Euroskeptiker.

Nicht Euroskeptiker, sondern "Eurorealisten" seien seine Landsleute, wehrt sich Kuzel. Emotionslos erklärt er den Beitritt zur "Zwangsläufigkeit", mit der man zurecht kommen müsse. Kuzel ist überzeugt:"Wenn wir Tschechen uns erst einmal in der EU auskennen, dann werden wir uns in Europa bestens zurecht finden. Sie werden sehen!" Der Druck zur Anpassung mache ihm keine Angst, meint Kuzel: "Sorgen bereitet mir nur, wie manche Politiker mit dem Thema umgehen. Sie wissen häufig nicht, was uns erwartet."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%