Tschetschenien
Versprengte Kinder des Krieges

Seit dem Terrorüberfall auf das Moskauer Musicaltheater üben russische Soldaten Vergeltung in Tschetschenien. Die Zivilbevölkerung leidet und flüchtet aus dem Land. In der Nachbarrepublik Inguschetien hausen viele in Zeltstädten - und fürchten die zwangsweise Rückkehr.

Beißend kalt frisst sich der kaukasische Novemberwind durch die Ritzen der Holzbohlen ins olivgrüne Zelt. Unter dem Dach staut sich die drückende Hitze des rostigen Gasofens, die beim Einatmen Kopfschmerzen erzeugt. Sulai ficht das nicht an. Die Dreijährige sitzt in einem dick gepolsterten Hosenanzug auf einem verschlissenen Teppich und ist schon ganz groß und tapfer: "Bald gehen wir nach Hause, und ich zeige dir unser Haus und unsere Bäume, wo ganz viele rote Äpfel hängen", verspricht das Mädchen ihrer Puppe mit den großen blauen Knopfaugen. Verspricht eine Heimat, die sie selbst gar nicht kennt und die es fast nicht mehr gibt - nur noch in ihren Träumen.

Das Heimatdorf in den tschetschenischen Bergen hat Sulai noch nie gesehen. Denn als Russlands damaliger Premier Wladimir Putin im Oktober 1999 die russische Armee zum zweiten Mal in die Republik einmarschieren lassen wollte, machte sich Sulais schwangere Mutter mit den anderen acht Kindern auf die Flucht. Sulai wurde im Zeltlager Satsita an der tschetschenischen Grenze zur Nachbarrepublik Inguschetien geboren. Mehr als das Lager hat das blonde Mädchen nicht gesehen; nur die Erzählungen ihrer älteren Geschwister über ihr Bergdorf gehört. Die Geschichten haben sich so in ihre Träume gegraben, dass sie ihrer Stoffpuppe davon vorschwärmt.

In das Haus in den Bergen wird Sulai auch nie mehr können. Seit die russische Armee wieder in Tschetschenien wütet, sei es nur noch ein Schutthaufen, berichtet ihre Tante Malika, die vor drei Tagen aus dem Dorf Mitschurin hierher geflüchtet ist mit ihren Kindern: "Soldaten umstellten unser Wohnheim, wo wir lebten, seit wir in der Hauptstadt Grosny ausgebombt wurden. Sie sagten uns: ,Ihr habt eine halbe Stunde. Dann sprengen wir.? Sie machten es tatsächlich." Einen Koffer mit Kleidung, ihre zweijährige Tochter und den sechsjährigen Sohn nahm sie mit und fuhr in die Nachbarrepublik Inguschetien zu ihrer Mutter Sanjat Chamsatowa. Sie sind versprengte Kinder des Krieges.

"Damit ihr hier nicht mehr wohnt", hätten die Soldaten den Tschetschenen noch zugerufen, als sie das fünfstöckige Wohnheim in die Luft jagten, erzählt Malika noch immer sichtlich verstört. "Wir sind friedliche Menschen, haben wir ihnen gesagt. Doch die pöbelten nur: ,Ihr seid keine Menschen, ihr seid Tschetschenen. Wir bringen euch alle um.? Auf ihre Panzer hatten sie ,Rache für Nord-Ost? gepinselt."

Seit der Geiselnahme während des gleichnamigen Musicals in Moskau sind die russischen Militärs noch brutaler geworden, bestätigen viele Flüchtlinge - ein russischer Dschihad als Antwort auf den tschetschenischen. Auch wenn sich die Erzählungen nur selten nachprüfen lassen, so zeigen die Berichte der wenigen unabhängigen Reporter, die zuletzt in Tschetschenien waren: Die Zivilbevölkerung leidet enorm. "Es gibt keinen Tag", weint Malika, "an dem sie nicht einfach unsere Leute erschießen oder verschleppen."

Sanjat Chamsatowa, eine resolute Endfünfzigerin, wird wütend: "Diese Tiere", wie sie russische Soldaten nennt, "haben behauptet, dass aus dem Haus ein russischer Hubschrauber abgeschossen wurde. Das war keiner von uns, aber wir müssen dafür büßen." Acht Armee-Helikopter sind binnen zwei Monaten abgestürzt; die meisten waren unweit der russischen Militärbasis Chankala abgeschossen worden, an die das Dorf Mitschurin grenzt.

Der vierte Winter in zerzausten Zelten kündigt sich mit scharfen Frostwinden an. Doch ob Familie Chamsatow ihn noch im Lager erleben wird, wo Sanjat und ihr Mann Ruslan mit Kindern und Enkelkindern hausen, ist fraglich: Russlands Präsident Putin hat nach Angaben seines tschetschenischen Statthalters, Ahmed Kadyrow, die Behörden angewiesen, alle tschetschenischen Flüchtlinge bis zum Jahresende in ihre alte Heimat zurückzubringen. Wer nicht freiwillig gehe, werde gezwungen.

Der Kremlherr, der eine tschetschenische Verfassung ausarbeiten lässt von seinen Beamten, will im kommenden Frühjahr ein Referendum in Tschetschenien über das Grundgesetz abhalten und anschließend wählen lassen. Damit soll eine legitimierte neue Regierung gebildet werden, mit der Moskau dann Verhandlungen über einen Friedensschluss und den Wiederaufbau der zerstörten Republik aufnehmene könnte.

"Diese Verräter der Moskau-treuen neuen Tschetschenen-Führung waren kürzlich im Lager und haben gedroht, dass wir nach dem Ramadan nach Grosny zurück müssen", schimpft Sanjat Chamsatowa und fasst sich mit den Händen an den Kopf. Ruslan, 62, nickt, während er mit seiner Papacha, der grauen kaukasischen Lammfellmütze, auf dem Kopf vor dem Fernseher kauert. "Sie würden uns mit vorgehaltenen Kalaschnikows am 20. November vertreiben, wurde uns gesagt. Aber dann sollen sie mich lieber hier abknallen. Zurück gehe ich nicht, solange dort diese Tiere wüten."

So wie Sanjat Chamsatowa denken fast alle 5 000 Flüchtlinge, die in dieser Zeltstadt leben. 68 000 insgesamt seien noch in Inguschetien, meist in Ställen oder bei inguschetischen Freunden. Etwa 19 000 campierten in Zeltlagern, sagt der vom Geheimdienst-General zum Republikspräsidenten aufgestiegene Murat Sjasikow.

Das Uno-Flüchtlingshilfswerk spricht gar von 110 000 Tschetschenen, die noch in Inguschetien als Flüchtlinge leben. Um diese Menschen mürbe zu machen, wurden die Lager kürzlich mit Militärposten umstellt. "Sie schießen nachts und flößen uns Angst ein", klagt Malika. "Wir sind gerade erst geflohen und finden noch immer keine Ruhe."

Ihre Mutter Sanjat ist seit 1994, seit dem ersten Tschetschenien-Feldzug, auf der Flucht. Damals verließ sie Grosny. Zwei Jahre später sei ihr Sohn Rezman von Soldaten verschleppt und später tot aufgefunden worden. "Seither verfault mein Bein, ist schon ganz schwarz, da meine Nerven nicht mehr funktionieren. Und ich habe kein Geld für eine Operation. Was ist das noch für ein Leben?" fragt Sanjat verzweifelt und zeigt auf das Zeltdach, das sie gegen die eindringende Kälte mit Wolldecken gefüttert hat.

Die Hilfsgüter, die kaum zum Überleben reichen, kommen von internationalen Organisationen. Denn Inguschetien ist das Armenhaus Russlands. Die Arbeitslosenquote liegt bei 85 Prozent.

Wer einigermaßen durchkommen, wer seinen Kindern ein wenig Milch kaufen will, muss irgendwoher zusätzlich Geld beschaffen. Wer mit dem eigenen Auto geflohen ist und es als Taxi nutzen kann, hat Glück. Andere bekommen Handlangerjobs.

Oder betreiben wie Lena Dschabrailowa einen Laden im Zelt. Nachts werden die Kekspackungen, Mandarinen und Kartoffeln zur Seite geräumt, denn neun Kinder und 18 Enkel müssen unter dem abgewetzten olivfarbenen Tuch zusammenrücken. Heim nach Grosny will auch die 53-Jährige nicht, die nach der grünen Gebetskette in ihrem Rock nestelt, als der Muezzin vom provisorischen, grünbekuppelten Minarett "Allahu-akbar" ruft. "Aber irgendwann muss der Krieg ja vorbei gehen", meint Lena. "Die werden doch wohl nicht das ganze tschetschenische Volk ausrotten wollen?"

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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