Türkei: Analyse: Erdogan sitzt zwischen allen Stühlen

Türkei
Analyse: Erdogan sitzt zwischen allen Stühlen

Vier Monate nach ihrem Amtsantritt steht die türkische Regierung vor einem Scherbenhaufen. So viel politisches Porzellan wie jetzt in Ankara ist wohl selten in so kurzer Zeit zerschlagen worden.

Vier Monate nach ihrem Amtsantritt steht die türkische Regierung vor einem Scherbenhaufen. So viel politisches Porzellan wie jetzt in Ankara ist wohl selten in so kurzer Zeit zerschlagen worden. Krach mit den USA, Verstimmung in der EU, dunkle Wolken am ökonomischen Horizont, riskante militärische Abenteuer im Nordirak: der neue konservativ-islamische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ist nicht zu beneiden.

Man erinnere sich: Gleich nach seinem Wahlsieg wurde Erdogan im Weißen Haus empfangen. Alle Türen standen dem türkischen Hoffnungsträger damals in Washington offen. Aber inzwischen ist man dort auf Erdogan nicht mehr gut zu sprechen. Sein Versprechen, Zehntausende US-Soldaten für den Irak-Krieg in der Türkei aufmarschieren zu lassen, konnte oder wollte er nicht einlösen. Die geplante Nordfront hätte den USA ihren bisher eher mühsam wirkenden Irak-Feldzug wohl nicht unerheblich erleichtert. Umso tiefer ist nun die Verstimmung in Washington. Vom vermeintlich verlässlichsten Verbündeten der USA hat sich die Türkei binnen weniger Wochen zum unsicheren Kantonisten gewandelt. Finanzhilfen in Milliardenhöhe hat die Regierung auf diese Weise verspielt, mit womöglich fatalen Folgen für die krisenanfällige türkische Wirtschaft.

Als sei noch nicht genug Schaden angerichtet, brechen die Politiker und Militärs in Ankara nun mit ihren Invasionsplänen im Nordirak schon den nächsten Streit mit Washington vom Zaun. Die geplante Militärintervention, die vorgeblich "humanitären" Zwecken dienen soll, könnte sich für die Türkei zu einem riskanten Abenteuer entwickeln. Die nordirakischen Kurden werden die türkischen Soldaten nicht als Befreier begrüßen, sondern als Besatzer bekämpfen. Ein Guerillakrieg im Nordirak, der womöglich auf die südosttürkische Kurdenregion übergreifen könnte, das ist nicht nur für die USA, sondern auch für die EU eine Schreckensvision. Mit einem Einmarsch in den Nordirak würde die Türkei ihre Beitrittsperspektive nicht gerade verbessern.

Ohnehin hat Erdogan in der Europapolitik keine glückliche Hand. Mit Ultimaten und Drohungen versuchte er auf dem Kopenhagener EU-Gipfel im vergangenen Dezember, den Europäern ein Datum für Beitrittsverhandlungen abzupressen. Doch er hatte zu hoch gepokert und kehrte mit leeren Händen nach Ankara zurück. Mit seiner Verweigerungshaltung in der Zypernfrage manövrierte sich Erdogan jetzt vollends ins Abseits.

Manche in Ankara trösten sich, es handele sich nur um vorübergehende Verstimmungen. Andere warnen, die Regierung riskiere irreparable Schäden im Verhältnis zur EU sowie in den türkisch-transatlantischen Beziehungen. Erdogan sitzt zwischen allen Stühlen. Über die Ursachen kann man streiten. Sind es Inkompetenz und mangelnde politische Erfahrung der neuen Regierung, oder verfolgt der frühere islamistische Eiferer Erdogan eine "geheime Agenda", nämlich die Bindungen der Türkei zum Westen zu kappen?

Ob gewollt oder nicht, im Endeffekt könnte es genau darauf hinauslaufen: Je mehr die Vereinigten Staaten in der Nahostregion selbst militärisch und politisch Fuß fassen, desto verzichtbarer wird die Türkei für den Westen.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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