Türkei
Assistent Allah

Als Istanbuler Bürgermeister wollte Recep Tayyip Erdogan noch getrennte Busse für Mann und Frau ein- führen. Jetzt gibt sich seine AK-Partei geläutert, fern ihrer islamistischen Wurzeln. Die Türkei stellt sich auf den Wahlsieg der Konservativen am Sonntag ein.

Schlecht" gehen die Geschäfte, klagt der Teppichhändler Muzaffer Iris, während sein Assistent Suat die Ware ausrollt. "Vier Monate knüpft ein Mädchen an einem solchen Teppich", sagt Muzaffer und macht einen "Spezialpreis": 875 Euro. Niemand rechnet im Istanbuler Basar mehr in türkischer Lira. "Zu viele Nullen", sagt Muzaffer. "Weißt du, was es kostet, das Pissoir auf dem Haydarpascha-Bahnhof zu benutzen? 250 000 Lira, eine Viertelmillion! Das haben die aus unserem Geld gemacht", klagt er und deutet mit dem Daumen über seine Schulter Richtung Ankara.

Dort wartet der greise Ministerpräsident Bülent Ecevit auf das Urteil der Wähler. Knapp 40 Millionen wahlberechtigte Türken werden am Sonntag über die Zusammensetzung des neuen Parlaments entscheiden. Der schwer kranke Ecevit ist nach 40 Jahren auf der politischen Bühne ein Mann von gestern. Er war es, der die Finanzkrise des Landes auslöste, die Tausende Betriebe in den Ruin trieb und fast zwei Millionen Jobs vernichtete. Und dass seine Regierung unter dem Druck des Internationalen Währungsfonds wirtschaftliche Reformen durchsetzte, interessiert die meisten Türken nicht. Sie wollen Arbeitsplätze und Preisstabilität. Sie sind die Korruption satt und der alten Gesichter überdrüssig.

Die Regierungsparteien haben kaum Aussichten, die Zehnprozenthürde und den Sprung ins nächste Parlament zu schaffen. "Die haben abgewirtschaftet", meint auch Teppichhändler Muzaffer, "die müssen alle weg!"

Darüber, wer es besser machen kann, gibt es in dem kleinen, mit Teppichen bis zur Decke vollgestopften Laden unterschiedliche Ansichten. Der Chef, ein rundlicher Mann, der morgens sein Geld als Lehrer verdient, hält nichts von islamisch argumentierenden Politikern. Aber das kümmert seinen hoch aufgeschossenen Assistenten wenig. "Tayyip ist der richtige Mann", sagt Suat. Recep Tayyip Erdogan heißt der Vorsitzende der Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AK-Partei), die in Meinungsumfragen weit in Führung liegt.

Wie Erdogan kommen die meisten Spitzenfunktionäre aus der verbotenen islamischen Tugend-Partei und deren Vorläuferin, der fundamentalistischen Wohlfahrtspartei. Das Etikett "islamisch" versucht die AK abzustreifen. "Wir sind eine konservative Partei", versichert Erdogan immer wieder. Er selbst darf wegen früherer islamistischer Äußerungen nicht für einen Parlamentssitz kandidieren, religiöse Themen meidet er im Wahlkampf wie der Teufel das Weihwasser.

Suat glaubt, Erdogan sei geläutert. Dass er als Istanbuler Oberbürgermeister noch in den 90er-Jahren versuchte, den Alkoholausschank einzuschränken und getrennte Nahverkehrsbusse für Frauen und Männer einzuführen, macht Suat nicht stutzig. "Tayyip hat sich geändert", glaubt er. Doch da widerspricht ihm Muzaffer. "Da oben", sagt er und tippt sich mit dem Finger an den Kopf, "hat sich nichts geändert. Die haben nur Kreide gefressen, um uns zu täuschen", glaubt er. Im Wahlprogramm jedenfalls taucht das Wort Allah nur zweimal auf: Als "Assistent" solle der Angebetete zum Sieg verhelfen, hofft die Partei.

Muzaffers Stimme gehört Kemal Dervis, früher Weltbank-Vizepräsident, dann Wirtschaftsminister. In der Republikanischen Volkspartei (CHP) fand Dervis eine politische Heimat. Aber sein Image hat gelitten. Nachdem Dervis bei mehreren Kundgebungen ausgebuht wurde, nimmt ihn CHP-Chef Deniz Baykal nur noch selten zu seinen Veranstaltungen mit.

Populisten wie der Geschäftsmann Cem Uzan mit seiner neu gegründeten Jugend-Partei (GP) bekommen Beifall. Umfragen sehen ihn bei 13 Prozent der Stimmen. Das Imperium des Uzan-Clans umfasst rund 130 Firmen. Die Geschäftspraktiken Cem Uzans sind allerdings ebenso umstritten wie jene ultra-nationalistischen Töne, die er im Wahlkampf anschlägt. "Der Mann ist ein Gangster und ein Faschist, ein türkischer Hitler", erregt sich ein angesehener Istanbuler Wirtschaftsführer, der mit diesem Urteil nicht namentlich zitiert werden möchte. Auch ein ausländischer Banker am Bosporus meint, es wäre "eine Katastrophe", wenn Uzan politischen Einfluss gewänne. Über seine Motivation wird nicht gerätselt. Gegen Uzan sind im In- und Ausland zahlreiche Verfahren anhängig. Ein Parlamentssitz würde ihm Immunität bieten.

So besorgt der Aufstieg Uzans beobachtet wird, so gelassen gehen viele Wirtschaftsführer mit dem sicher scheinenden Sieg der AK-Partei um. "Die nächste Regierung, gleich welcher Partei, wird die Reformen fortsetzen", glaubt Ersin Özince, CEO des größten türkischen Geldinstituts Türk Is Bankasi. Auch Sakip Sabanci, Präsident der Sabanci Holding und einer der reichsten Männer des Landes, hat keine Sorgen: "Sie werden die Realitäten erkennen und respektieren." Zu diesen Realitäten gehören neben den Militärs als Wächter der Verfassungsordnung vor allem die prekäre Finanzlage und die Vorgaben des IWF, der das Land mit Beistandskrediten von fast 30 Milliarden Dollar über Wasser hält.

"Der Rahmen ist gesteckt", weiß auch Ali Babacan, der Wirtschaftskoordinator der AK-Partei. Eine von seiner Partei geführte Regierung werde zwar "hart mit dem IWF verhandeln", aber die "Grundpfeiler des Sanierungsprogramms nicht antasten", versichert der Manager, der aus der Privatwirtschaft kommt.

Der Teppichhändler Muzaffer bleibt skeptisch. "Die haben zwei Gesichter", fürchtet er, "und das wahre zeigen sie erst, wenn sie an der Macht sind." Schlimmstenfalls will Muzaffer das Weite suchen. In New York, 34 East 29th Street, betreiben seine Schwiegereltern einen Teppichladen. "Da kann ich jederzeit unterkommen."

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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