Türkei
Der „Sultan von Ankara“ sägt an Erdogans Stuhl

Die schlechte wirtschaftliche Lage und der eskalierende Streit mit der laizistischen Elite setzen den islamischen Ministerpräsidenten Erdogan zunehmend unter Druck. Die Oppositionspolitiker wittern Morgenluft - sie wollen mit einer breiten Front gegen die Islamisierung vorgehen.

ANKARA. Seit fünf Wochen liegt Bülent Ecevit nun schon im Koma. Es war ein heißer Tag, als der frühere türkische Premier bewusstlos zusammenbrach, erinnert sich seine Gattin Rahsan. Aber nicht nur wegen der Hitze sei ihr Mann an jenem 18. Mai - zwei Tage vor seinem 81. Geburtstag - vom Schlag getroffen worden, sondern auch aus Gram angesichts der politischen Entwicklung: "Unser Land geht in die Dunkelheit, der Fundamentalismus schleicht sich ein", klagt Rahsan Ecevit und appelliert: "Jetzt ist es an der Zeit, uns im Angesicht der Gefahr zu vereinen: Hand in Hand für die Republik!"

Das ist das Motto, unter dem die engste politische Vertraute Bülent Ecevits und einstige Vizechefin seiner Partei der Demokratischen Linken (DSP) den letzten politischen Wunsch ihres sterbenden Mannes erfüllen will: die Bildung eines breiten Parteienbündnisses, um den islamischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan aus dem Amt zu hebeln. Eine ganz große Koalition schwebt der 83-Jährigen vor, "von der Linken über die Mitte bis zur Rechten".

Am Montag traf sie sich mit dem siebenfachen Ex-Premier und früheren Staatspräsidenten Süleyman Demirel. Der 81-Jährige war seit den 60er-Jahren einer der Hauptdarsteller auf der politischen Bühne der Türkei. Seit sechs Jahren lebt "Sultan Süleyman", wie manche das Urgestein nennen, als Pensionär in Ankara, bringt sich aber gern öffentlich in Erinnerung. Erst kürzlich warnte Demirel vor Gefahren für die laizistische Staatsordnung.

An diesem Mittwoch will Rahsan Ecevit ihre Sondierungsgespräche mit Deniz Baykal fortsetzen, dem Vorsitzenden der Republikanischen Volkspartei (CHP) und Oppositionsführer im Parlament. Danach stehen Treffen mit den Führern der anderen Parteien und Kontakte mit Nichtregierungsorganisationen sowie Akademikern auf Ecevits Programm: "Mein Ziel ist eine Allianz aller Kräfte, die für die weltliche Staatsordnung eintreten - eine Regierung der nationalen Einheit."

An den Bemühungen um ein Oppositionsbündnis beteiligt sich jetzt auch Ex-Premier Mesut Yilmaz. Vergangenen Freitag mangels Beweisen vom Vorwurf der Korruption freigesprochen, will er nun in die Politik zurückkehren. "Wir brauchen nicht fünf Oppositionsparteien mit je zehn Prozent Stimmenanteil, sondern eine mit 50 Prozent", sagt Yilmaz. Eine Anspielung auf das türkische Wahlrecht, das große Parteien begünstigt und kleine, die unter der Zehnprozenthürde bleiben, ganz ausschließt. So ergatterte Erdogan bei der Wahl im Jahr 2002 mit nur 34 Prozent Stimmenanteil fast zwei Drittel der Parlamentsmandate.

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