Türkei übernimmt die Führung der Sicherheitstruppe
Kabul-Kommando schärft Ankaras Profil

Der türkische General Zorlu braucht diplomatisches Geschick, wenn er an diesem Donnerstag von seinem britischen Vorgänger das Isaf-Kommando übernimmt. Er muss sich mit den anderen 18 nationalen Kontingenten arrangieren, vor allem aber mit den rivalisierenden afghanischen Clans.

ghö ISTANBUL. "Ich bin stolz", bekennt Hilmi Akin Zorlu, "für mich und für mein Land." Der türkische Vier-Sterne-General steht vor der wichtigsten Aufgabe seiner Karriere. An diesem Donnerstag soll er von seinem britischen Vorgänger John McColl die Führung der internationalen Afghanistan-Sicherheitstruppe (Isaf) übernehmen. Kein leichter Job. Zorlu muss sich nicht nur mit den Kommandeuren der anderen 18 nationalen Kontingente arrangieren, aus denen sich die knapp 5 000 Mann starke Isaf zusammensetzt. Das wird das Leichteste sein. Der Kommandeur muss auch mit der künftigen afghanischen Regierung, den örtlichen Polizeibehörden in Kabul und, noch schwieriger, den Anführern der rivalisierenden Clans zusammen arbeiten. Eine Aufgabe, die neben militärischen Fähigkeiten auch persönliche Autorität und viel diplomatisches Fingerspitzengefühl erfordert.

Immerhin sind die Türken in Afghanistan willkommen. Dies ist für sie kein Neuland. Schon vor dem 11. September unterstützen türkische Militärberater die Nordallianz im Kampf gegen das Taliban-Regime. Aber die Verbindungen reichen viel weiter zurück. General Zorlu wandelte gewissermaßen auf den Spuren Atatürks, des von der türkischen Armee vergötterten Republikgründers, als er vergangene Woche mit einem Vorauskommando von 199 Soldaten in Kabul eintraf. Nachdem die Afghanen schon vor dem Ersten Weltkrieg bei den Osmanen Rat für den Aufbau ihrer Streitkräfte eingeholt hatten, trainierten in den 20er Jahren türkische Offiziere die afghanische Armee. Mit türkischer Hilfe wurden damals in Afghanistan Schulen, Universitäten und Kliniken gebaut. 1928 halfen türkische Militärberater, eine Revolte islamischer Fundamentalisten gegen den afghanischen König Aman Ullah niederzuschlagen. Der Monarch hatte, nach dem Vorbild Atatürks, in seinem Land soziale Reformen, westliche Kleidung und mehr Rechte für Frauen proklamiert. Er wurde schließlich doch gestürzt, und vom damaligen türkischen Einfluss ist fast nichts übrig geblieben. Aber die Türken genießen in der Bevölkerung großes Ansehen.

Die Hoffnung, ihr Modell eines muslimisch geprägten, aber politisch zumindest annähernd nach europäischen Vorgaben verfassten Landes einfach nach Afghanistan exportieren zu können, machen sich die Politiker und Militärs in Ankara nicht. Aber türkische Unternehmen hoffen, beim Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur Afghanistans dabei zu sein.

Bereits vergangenen Monat reiste eine Delegation türkischer Wirtschaftsführer nach Kabul. Noch gibt es keine konkreten Abschlüsse, außer dass die Türkei Uniformen für die Polizei und die afghanische Armee liefert. Aber zu den Projekten, über die nun verhandelt wird, gehören der Aufbau eines Mobilfunknetzes und Infrastrukturprojekte, für die sich die rezessionsgeplagte türkische Bauwirtschaft brennend interessiert.

Mit der Übernahme des Isaf-Kommandos unterstreicht die Türkei ihr gewachsenes Gewicht als Nato-Brückenkopf an der Schwelle des Nahen Ostens und Zentralasiens. Mit den Turkvölkern dieser Region gibt es historische und ethnische Verbindungen. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hoffen die Politiker in Ankara, ihr Land könne zur Führungsmacht für Zentralasien aufsteigen. Das wäre für die Türken, die vor mehr als tausend Jahren aus den Steppen Mittelasiens nach Anatolien wanderten, so etwas wie die Rückkehr zu ihren Wurzeln. Ultranationalisten träumen sogar von einem neuen türkischen Großreich, das sich von der Adria bis zur Chinesischen Mauer erstrecken soll.

Aber die Realität sieht ganz anders aus. Ausgerechnet jetzt steht die Türkei innenpolitisch wieder einmal vor dem Kollaps. Beherrscht wird die Debatte von Spekulationen um den labilen Gesundheitszustand des greisen Premiers Bülent Ecevit, den regierungsinternen Dauerstreit um die demokratischen Reformen, mit denen das Land vielleicht den Weg zum EU-Beitritt ebnen könnte, und die wachsenden Zweifel an den Überlebenschancen der Regierungskoalition. Die historische Afghanistan-Mission geht im innenpolitischen Chaos unter.

Quelle: Handelsblatt

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