Archiv
Türken feiern Erdogan nach EU-Gipfel

Nach seiner Rückkehr vom EU-Gipfel in Brüssel ist der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan gefeiert worden. Der Regierungschef nannte die Entscheidung der EU zur Aufnahme von Beitrittsverhandlungen ab Oktober nächsten Jahres am Samstag einen großen Sieg.

dpa ANKARA. Nach seiner Rückkehr vom EU-Gipfel in Brüssel ist der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan gefeiert worden. Der Regierungschef nannte die Entscheidung der EU zur Aufnahme von Beitrittsverhandlungen ab Oktober nächsten Jahres am Samstag einen großen Sieg.

Gleichzeitig fügte er vor rund 10 000 Landsleuten hinzu, die sich trotz des kalten Winterwetters in der Innenstadt versammelten hatten: "Wir wissen, dass wir von jetzt an einen sehr langen und sehr schwierigen Weg vor uns haben."

Von nun an werde es große Verbesserungen in den Bereichen Demokratie, bei den Menschenrechten und in der Wirtschaft des Landes geben, sagte Erdogan. Der größte Boulevard der Stadt war mit türkischen und EU-Fahnen geschmückt. Luftballons wurden verteilt und Feuerwerkskörper knallten. Es gab Hurra-Rufe, aber überschäumender Jubel blieb aus. "Sicher ist das gut, aber wer weiß, ob sie (die EU) uns am Ende wirklich reinlassen werden", meinte ein junger Türke zur gedämpften Freude seiner Landsleute.

Die türkische Presse dagegen war begeistert. "Wir haben es geschafft", titelte die Tageszeitung "Hürriyet". "In einem knochenharten Verhandlungsringen haben wir nicht alles bekommen, was wir wollten, aber wir haben auch nicht bei allem nachgegeben, was man von uns verlangt hat", schrieb das Blatt. "Wir sind jetzt auch dabei", freute sich die Zeitung "Milliyet".

Die Erdogans Regierung nahe stehende Zeitung "Yeni Safak" meinte zu dem Durchbruch auf dem Brüsseler EU-Türkei-Gipfel: "Ein historischer Schritt, ein historischer Schachzug." Alle türkischen Blätter schilderten das dramatische Ringen um die Frage einer formellen Anerkennung der griechisch-zyprischen Republik Zypern durch Ankara, die den Gipfel fast zum Scheitern gebracht hatte. Wenig Beachtung fanden hingegen die von der Türkei geforderten Beschränkungen etwa in Fragen der Freizügigkeit für türkische Arbeitskräfte nach einem EU-Beitritt.

Zuvor war die Türkei nach dramatischem Tauziehen beim EU- Gipfeltreffen in der Zypernfrage auf die Europäer zugegangen. Erdogan versprach am Freitag, das so genannte Ankara-Protokoll bis zum Verhandlungsbeginn im kommenden Oktober zu unterzeichnen. Damit wird die Zollunion auf die zehn neuen EU-Länder - und damit auch Zypern - ausgedehnt. Erdogan wies jedoch Deutungen zurück, seine Zusage sei indirekt eine förmliche Anerkennung Zyperns durch die Türkei.

Die USA und andere Länder begrüßten die Einigung. US-Außenminister Colin Powell sprach von einem "historischen Tag". Die Entscheidung sei "Ausdruck der eindrucksvollen Erfolge der türkischen Reformpolitik" und "ein großer Erfolg für die Türkei und die Europäische Union".

SPD-Partei - und Fraktionschef Franz Müntefering erklärte, der Beschluss liege auf der "Linie der deutschen Politik seit 30 Jahren". Zuvor hatte sich auch Bundeskanzler Gerhard Schröder zufrieden geäußert. Der CDU-Europapolitiker Matthias Wissmann äußerte dagegen scharfe Kritik an Erdogan. Die Weigerung der Türkei, Zypern anzuerkennen, habe gezeigt, "dass der türkische Ministerpräsident Schwierigkeiten hat, die Idee einer europäischen Völkerfamilie zu verstehen", sagte er der Zeitung "Welt am Sonntag".

Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi erklärte, er wünsche sich, dass die Türkei "in der kürzesten notwendigen Verhandlungszeit" Mitgliedsland werde. In seiner Regierungskoalition stößt Berlusconi jedoch auf Widerstand. Arbeitsminister Roberto Maroni von der rechtspopulistischen Liga Nord sagte der Zeitung "La Stampa": "Die Türken haben Europa schon immer als Eroberungsterritorium angesehen. Die islamische Religion ist nicht mit der christlichen kompatibel."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%