Archiv
Türkischer Berlusconi

Mit Macht drängt ein Telekom-Unternehmer ins neue Parlament. Cem Uzan will sich so vor Milliardenforderungen von Nokia und Motorola schützen.

Stolz zeigt Nazli auf das Polaroid-Foto. "Das hier bin ich - und das ist er!" Beschützend hat der Landesvater in spe seine Hand auf die Schulter der jungen Türkin gelegt. Solche Bilder hängen jetzt in immer mehr türkischen Wohnstuben. Längst schon läuft der Wahlkampf des Cem Uzan auf Hochtouren. "Aus dem Weg", ruft er, "wir marschieren durch, niemand kann uns stoppen!" Wenn er die Hände der Menge ergreift, schießen seine Fotografen Sofortbilder. Zu fast jedem Händedruck gibt es ein Erinnerungsbild mit Autogramm.

Am 3. November sollen die Türken ein neues Parlament wählen, mitten in der schlimmsten Rezession ihrer jüngeren Geschichte. Zwei Millionen Arbeitsplätze kostete die Krise, Tausende Betriebe machten Pleite. Nur die Kredite des Internationalen Währungsfonds (IWF), der fast 30 Milliarden Dollar nach Ankara überwiesen hat, retteten das Land vor dem Bankrott.

Die Regierung wird von den Wählern am 3. November abgestraft werden. Die Demokratische Linkspartei des greisen Premiers Bülent Ecevit, 1999 noch stärkste Gruppierung, rangiert in Meinungsumfragen unter zwei Prozent. Auch die anderen Koalitionsparteien haben wenig Hoffnung, die in der Türkei geltende Zehnprozenthürde zu schaffen. Der Verlust des Vertrauens in die etablierten Parteien ist total.

Darin sieht Cem Uzan seine Chance. Seine Jugend-Partei liegt bei 13 Prozent. Damit könnte sie als eine von nur drei Parteien ins Parlament einziehen, neben den Islamisten, die über 30 Prozent der Stimmen auf sich vereinen könnten, und der sozialdemokratisch geprägten Republikanischen Volkspartei, der sich der Wirtschaftsminister Kemal Dervis angeschlossen hat (bis zu 17 Prozent).

"Wir werden die absolute Mehrheit erringen", ruft Uzan vom Dach des Wahlkampfbusses seinen Anhängern zu, "dann ist die Ära der Koalitionen und Kompromisse vorbei!" Unten stimmen die Einpeitscher Sprechchöre an: "Uzan, Basbakan!", Uzan, Ministerpräsident.

Daran glaubt auch die Zeitung Star, zwangsläufig: Das Boulevardblatt gehört dem Uzan-Clan. Manche sehen in Cem Uzan schon den "türkischen Berlusconi". Die Familie kontrolliert ein Wirtschaftsimperium. Unter den Dächern ihrer Holdinggesellschaften Rumeli und Prime operieren über hundert Einzelfirmen. Zum Reich der Uzans gehören Banken, Kraftwerke, Bauunternehmen und Hotels, Telekommunikationsunternehmen, Fußballclubs und ein Medienkonzern samt TV-Sender. Oberhaupt des Clans ist Kemal Uzan, 70. Für Telekom und Medien ist sein Sohn Cem, 42, zuständig. Und jetzt auch für Politik.

Im Juli gründete er die Jugend-Partei. Dass sie nicht über die gesetzlich vorgeschriebene landesweite Organisationsstruktur verfügte, war für Uzan kein Problem. Der gewiefte Geschäftsmann löste es durch die feindliche Übernahme einer anderen Partei. Uzan infiltrierte die kleine Partei der Wiedergeburt (YDP) und ließ die Fusion mit seiner Jugend-Partei beschließen. So kam er in den Besitz einer kompletten Organisation mit 575 Unterbezirken.

Jetzt hetzt er im eigenen Helikopter von einer Kundgebung zur nächsten. Alle 81 Provinzen des Landes will Uzan bis zum Wahltag mindestens zwei Mal besuchen. Für Zulauf bei den Kundgebungen sorgen populäre Sänger wie Ibrahim Tatlises. Reichhaltige Büfetts werden angerichtet. Die Reden des Spitzenkandidaten dauern dagegen selten länger als 15 Minuten.

Jugend-Partei, der Name ist nicht ungeschickt gewählt. Fast 60 Prozent der Türken sind unter 30. Sie versucht Uzan mit populistischen, rechts-nationalistischen und fremdenfeindlichen Parolen zu umgarnen. Jedem Türken verspricht Uzan ein kostenloses Grundstück für das eigene Haus. Die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel will er streichen, die Zahl der Universitäten vervierfachen und die Prüfungen abschaffen. Als Schuldigen für die chronische Wirtschaftskrise hat er den IWF ausgemacht. "Wir werden dem Währungsfonds den Stuhl vor die Tür setzen!" verspricht Uzan der johlenden Menge. Es sei höchste Zeit, die Türken aus der "Versklavung durch die ausländischen Mächte" zu befreien.

Befreien will sich Cem Uzan vor allem selbst. Denn die beiden Handy-Giganten Motorola und Nokia fordern von den Uzans Lieferantenkredite in Höhe von rund drei Milliarden Dollar, die sie dem Uzan-Mobilfunkbetreiber Telsim überwiesen haben. Mit dem Geld sollte Telsim Sendeanlagen und Handys bei den beiden Firmen kaufen. Aber Telsim ist mit der Rückzahlung seit über einem Jahr im Rückstand. Als Sicherheit für den Kredit erhielt Motorola seinerzeit 66 Prozent der Telsim-Aktien. Doch durch eine heimliche Kapitalerhöhung dezimierten die Uzans die Anteile der US-Firma auf 22 Prozent. In den USA und Großbritannien sind nun Klagen wegen Betrugs, Erpressung und Verschwörung gegen die Uzans anhängig.

Alle Vermögenswerte der Familie in beiden Ländern, darunter Luxuslimousinen, millionenschwere Apartments und Büros in New York, sind inzwischen durch Gerichtsbeschluss eingefroren. Ob Motorola und Nokia ihre Kredite jemals zurückbekommen werden, ist dennoch zweifelhaft. Das US-Wirtschaftsmagazin Forbes taxiert die Uzans lediglich auf 1,6 Milliarden Dollar.

Mit dem Einstieg in die Politik, so vermuten politische Beobachter in Ankara, will sich Cem Uzan absichern. Käme er ins Parlament, gewänne er nicht nur politischen Einfluss, sondern auch strafrechtliche Immunität.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%