Tuminellis Designkritik
BMW „Gina Light“: Flitzer mit Falten

Das Konzeptfahrzeug Gina Light besitzt eine flexible Oberfläche. Damit macht die umstrittene Formensprache der BMW-Designer endlich Sinn.

Als BMW-Chefdesigner Chris Bangle zu Beginn des Jahrtausends seine Designrevolution begann, waren nicht wenige Menschen - darunter ich - von dem Ergebnis enttäuscht: Es wurde eine wilde Mischung aus Bionik und Neobarock. Bangles Kreation "Flaming Surfaces" stieß daher auch auf heftigen Widerstand, der schließlich allgemeiner Toleranz wich. Rückblickend lässt sich dies so erklären: Form und Konstruktion korrespondierten beim neuen BMW-Design nicht. Die angespannte Haut des Fahrzeugs wirkte einem Automobil unangemessen. Woraus sind Autos gemacht, fragt sich das Auge, wenn nicht aus Kunststoff und Blech?

Die Antwort von BMW ist komplex - und heißt "Gina". Das steht für "Geometrie und Funktionen in n-facher Ausprägung" und ist nichts weniger als die jüngste Designphilosophie des Unternehmens. Was sich verbal nur schwer vermitteln lässt, bringt das Gina Light Visionsmodell auf den Punkt. Auf den ersten Blick sieht es wie ein normaler Konzeptwagen von BMW aus: Ein auffälliger Metallguss, dem die Schwere maschinell weggefräst wurde.

Im Normalfall wäre damit die Designkritik erledigt. Doch beim Öffnen von Ginas Tür passiert ein Wunder: Die Seite des Roadsters öffnet sich nach oben, wobei sich die Haut in Hunderte Falten krümmt. Der Grund: Die Karosserie besteht nicht aus Blech, sondern aus einem dehnbaren Textilstoff, gespannt über einen elektrisch und elektropneumatisch veränderbaren Rahmen. Wie ein Biest mit Gerippe, Muskeln und Haut in ständiger Bewegung verändert sich die Wagenform je nach Situation. Die Scheinwerferverkleidung öffnet sich mit einem Zwinkern, der Motorraum wird durch eine Öffnung der Haube sichtbar, die Erhöhung des Heckspiegels erreicht einen Spoiler-Effekt.

Das Spiel geht im Innenraum weiter. Zwar bleibt die Grundform des Autos stets erkennbar, doch die Flächen verändern sich: Aus statischer Einheitsform wird dynamischer Polymorphismus. Endlich macht Bangles Spiel mit den Flächen sowohl ästhetisch als auch funktional-konstruktiv Sinn. Ob Ginas Textil-Bauweise eine Zukunft hat, lässt BMW offen. Die Vermutung lautet, dass der Konzern auf diese Weise seine heimische Designphilosophie rechtfertigt.

Doch ob mit oder ohne Zukunft: Auf jeden Fall hat die Idee eine Vergangenheit. Der Pilot Charles Weymann hatte das Konstruktionsprinzip von Flugzeugen bereits 1921 im Automobilbau umgesetzt: Er bespannte eine Holzstruktur mit Kunstleder und setzte Watte als Dämmmaterial ein. Das leichte, leise und optisch einzigartige Weymann-System nutzten in der Zwischenkriegszeit Konstrukteure für die edelsten Automobile der Welt. Immer wieder taucht ein Exemplar auf und sorgt für Bewunderung, zum Beispiel auf der Automobilschau Concorso d?Eleganza Villa d?Este. Dass BMW der Schirmherr der Veranstaltung ist, mag man als reinen Zufall betrachten.

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