Tumminellis Designerkritik
Audi TT Coupé: Die Kraft der Mythen

Audi will mit dem neuen TT den Kult um das Urmodell am Leben erhalten. Aber wie kann man eine Deisgner-Ikone überhaupt ersetzen?

Bereits beim Miura, dem legendären Sportwagen aus dem Hause Lamborghini, konnte Audi der Versuchung nicht widerstehen. Zum 40-jährigen Jubiläum wurde im Frühjahr das Remake präsentiert, zunächst nur als Designstudie. Großartiges nachzumachen ist bekanntlich viel einfacher, als Großartiges zu erschaffen: So ist die Miura-Studie nicht groß anders oder etwa besser als das Original. Sie erscheint lediglich wie dessen nutzlose Karikatur.

Ferruccio Lamborghini Sr. hätte die Kopie nicht gefallen. Er wollte aus dem Miura einen Mythos machen und wählte die passende Strategie. Kaum waren ein paar hundert Exemplare ausgeliefert, wurde bereits der Nachfolger präsentiert – trotz voller Auftragbücher. Der Miura wurde zur Primadonna geboren und bleibt bis heute eine Diva, aus jedem Blickwinkel atemberaubend. Konsequenterweise sah 1971 der kontroverse und ebenfalls atemberaubende Nachfolger ganz anders aus. Und er bekam einen neuen Namen: kein Stier mehr sondern Countach, „das Sonderbare“ im piemontesischen Dialekt. Der Miura blieb ein Unikat, wie es sich für Design-Ikonen gehört.

Ob Möbel, Uhr, Mode-Accessoire, Hauptsache keine Änderung: So wird die Design-Ikone zum Klassiker. Das Produkt stirbt, um als Symbol auferstehen zu können. Eine klassische Strategie; die Parallele zur Religion ist kein Zufall.

Diese Parabel hätte wunderbar zum TT gepasst. Das 1995 als Studie und 1998 als Serienfahrzeug präsentierte Coupé war seinerzeit ebenfalls kontrovers und atemberaubend. Manche mochten den TT nicht, weil er zu wenig wie ein typisches Auto aussah. Manche liebten ihn gerade deswegen: ein Designobjekt auf Rädern, eine Skulptur, ein Fetisch. Oder besser: eine Design-Ikone, eine der wenigen, die die Autoindustrie in den letzten Jahren hervorgebracht hat.

Was man sonst aus der Geschichte lernt? Jede Parabel hat einen Zenith und ein Ende. Irgendwann hatten all diejenigen, die ihn unbedingt haben wollten, den TT gekauft. Und damit war es auch schon zu spät, um den TT publikumswirksam als Mythos verewigen zu können. Dass nun ausgerechnet dieser Nachfolger kommt, ist ein weiterer, schlimmerer Fehler – denn der neue TT ist lediglich ein etwas größeres, etwas bunteres, etwas konventionelleres Auto. Es sieht zwar fast so aus wie der Vorgänger, doch dessen geniale Einzigartigkeit, dessen Objektcharakter fehlt völlig. Außerdem peilt das neue Modell eine leicht gehobene Marktpositionierung an.

Das Urmodell des TT hatte den Charme des minimalistischen, kompromisslosen Sportwagens. Der neue TT aber will erwachsen sein. Er versucht sich nun gar, so könnte man zumindest für die 3,2-Liter-Version sagen, in der Porsche-Cayman-Liga. In der Branche sind derartige Image-Upgrades jedoch selten erfolgreich.

Um eine Neupositionierung zu wagen, wären eine neue Modellbezeichnung, gar ein völlig neues Designkonzept sinnvoller gewesen. Neben altem TT eine weitere Design-Ikone, ein weiterer Modellmythos: eine Marke wie Audi hätte sich beides locker leisten können. Der neue TT mag dem einen oder dem anderen besser gefallen, sein Design hat kaum dessen Kraft. Markenstrategisch bedeutet er lediglich eine verpasste Chance.

Paolo Tumminelli ist Design-Professor an der Fachhochschule Köln.

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