Tumminellis Designkritik
Active Wheel: Die Rückkehr einer alten Idee

Ein Jahrhundert ist es her, seit Ferdinand Porsche das erste Hybridauto der Welt erfand - jetzt ist seine Idee wieder da. Mit seinem „Active Wheel“ greift Reifenhersteller Michelin die Idee des deutschen Automobilpioniers wieder auf - und baut einen Elektromotor in die Reifen ein.
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Wäre es nach Ferdinand Porsche gegangen, so gäbe es das Automobil heute nicht – zumindest nicht so, wie wir es kennen. Der talentierte 21-Jährige entwickelte und patentierte im vorletzten Jahrhundert in Wien die Idee eines im Rad integrierten Elektromotors. Seine erste Erfindung überhaupt. Um sie zu verwirklichen, verließ Porsche die spätere Brown Boveri und heuerte bei der kaiserlichen und königlichen Hofwagenfabrik Ludwig Lohner & Co. an.

Ein Jahr später war sein erstes Auto fertig – ein Elektrofahrzeug. 1900 feierte der Lohner-Porsche auf der Pariser Weltausstellung Premiere und galt als Sensation. Die 400 Kilogramm schwere Batterie war gut für 50 Kilometer Reichweite. Aber vor allem fuhr sich der Wagen extrem einfach, leise und schnell – er erreichte sagenhafte 50 Stundenkilometer.

Im selben Jahr baute Ferdinand seinen ersten Rennwagen, natürlich mit Elektromotor. Besser gesagt mit vier Motoren, denn jedes Rad besaß einen eigenen Antrieb, was den Flitzer zum ersten allradgetriebenen Automobil machte. Doch der Wagen war schwer – fast zwei Tonnen Batterie musste er schleppen, um ein ganzes Rennen zu bestehen.

Der Konstrukteur suchte daher nach alternativen Antrieben und fand die entscheidende Lösung: Ein Daimler-Verbrennungsmotor sollte als Generator dienen und durch zwei Radnabenmotoren die Hinterräder direkt antreiben. Damit sparte sich Porsche Kupplung und Getriebe, wovon er sowieso wenig hielt. Seine „Mixte“ war das erste Hybridauto der Welt.

Die Zukunft, wie sie GM mit dem Volt und Opel mit dem Ampera heute vorstellen, begann tatsächlich 1902. Mehr als hundert Jahre später gibt es gute Hoffnung, dass Porsches brillante Idee wieder Fuß fasst. Als Erweiterung ihrer Kompetenz im Pneu-Bereich und mit dem offensichtlichen Ziel, das Rad neu zu erfinden, hat Michelin das „Active Wheel“ entwickelt und in Genf präsentiert. Im Active Wheel ist nicht nur ein elektrischer Radnabenmotor, sondern es sind auch eine elektrisch aktive Radaufhängung und ein klassisches Bremssystem integriert. Das Rad fährt, bremst und federt von selbst.

Eine Bremse gibt es aber nur, weil sie gesetzlich vorgeschrieben ist. Denn der Elektromotor könnte selbst bremsen und dabei sogar noch Energie zurückgewinnen – Gesetzgeber waren nie gute Designer und umgekehrt.

Im Fahrzeugprototyp Will, vom französischen Nischenfahrzeugspezialisten Heuliez auf Basis des Opel Agila gebaut, speist eine Lithium-Ionen-Batterie bis zu vier Active Wheels. Egal, wie witzig das Wortspiel Will-Wheel klingen mag, es handelt sich dabei um ein völlig konventionelles Kleinauto. Die Entwickler haben ihre Chance verpasst, denn Michelins System hätte eine grundsätzlich neue Fahrzeugarchitektur möglich gemacht.

Den Motorraum sowie die Achsen und das Differenzial braucht man nicht mehr. Die Batterie hätte die tragende Funktion übernehmen können. Daher fällt das ästhetische Urteil zunächst bescheiden aus: Sowohl der Wagen als auch das Rad stehen ziemlich einfallslos da. Eine derart sensationelle Entwicklung darf ruhig mit kaiserlich-königlichem Design inszeniert werden. Wie ein Porsche eben.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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