Tumminellis Designkritik
Arbeit soll Spaß machen

Mit BaObab präsentiert Vitra einen neuen Bürotisch von Philippe Starck. Der Tisch war eine der auffälligsten Neuheiten der Kölner Orgatec 2006. Damit ist er aber nicht automatisch auch ein gutes Möbelstück.

Eigentlich wollte Philippe Starck kein „Design“ mehr machen. Bei seinen showartigen Auftritten wiederholt der ungekrönte Sonnenkönig immer wieder, dass Produkte und deren Gestaltung ihm nicht wichtig sind – sondern die Menschen und deren Leben. Aber dann kommen sie wieder und wieder, die Produktneuheiten von Philippe – als ob er sich für seine Gedanken keine bessere Ausdrucksform vorstellen könnte als das Möbelmachen. So gesehen ist der geniale Franzose weniger ein Ludwig XIV. als ein Thomas Chippendale, selbst ein König im 18. Jahrhundert – aber nicht Frankreichs, sondern des Möbelbaus.

Was Philippe Starck groß macht, ist die Tatsache, dass seine Entwürfe – ob Zahnbürste, Klo oder Sessel – im wahrsten Sinne gegenständlich sind, also gegen den (Ist)Stand, die Konventionen. Die Orgatec zeigt den (Ist)Stand der Büromöbelbranche: Redet man seit Jahren über eine neue Art des „Living at Work“, so sieht man immer wieder Landschaften aus Systemmöbeln, die sich flexibler und kreativer kombinieren lassen und ein Zubehörprogramm für alle erdenklichen Fälle anbieten. In dieser Landschaft nimmt der Mensch allerdings eine untergeordnete Rolle ein: Er ist lediglich Bestandteil des Systems – effiziente Komponente eines Arbeitsprozesses, wie Taylor ihn organisiert hätte und Chaplin in seinen „Modern Times“ inszeniert hat.

Doch nun findet ein Befreiungsprozess statt – denn es gibt BaObab, die kleine Provokation unseres Philippe Starck. Offiziell wird BaObab als „simpler Tisch“ und „frische Lösung für junge Unternehmen“ präsentiert – was auch immer Letzteres bedeuten mag.

Starck überholt das rigide Prinzip der Systemmöbel und präsentiert einen plastischen Kokon, der „seine Nutzer beschirmt“ und gleichzeitig „skulpturales Objekt“ ist. Hierin ist die ganze Komplexität der Starckschen Botschaft enthalten. Zum einen möchte er sich um das menschliche Wesen kümmern, zum anderen kann er auf seinen geliebten Formalismus nicht verzichten: Gott ist im Produkt. Und das Produkt ist Gott, ganz egal, wie es aussieht.

Zwei Aspekte gefallen mir am BaObab weniger: Zum einen, dass es stilistisch ein Remake bekannter Designexperimente der wilden 60er ist, zum anderen, dass dabei nicht der „beschirmte Mensch“ im Vordergrund steht, sondern eher das „skulpturale Objekt“. Der Arbeiter fühlt sich zwar nicht mehr wie bei Taylor & Chaplin – ganz frei ist er dennoch nicht. Er wird, am liebsten hübsch aussehend, zum Bestandteil einer ästhetischen Komposition, die als Designform wahrgenommen werden will.

Somit wird BaObab weniger die Lebens- und Nutzformen der Systembüros ändern, sondern vielmehr auf auserwählte Vorzimmer, Empfänge und Ladenräume imagefördernd wirken. Hierfür ist er geradezu genial konzipiert und wunderbar geeignet: Kostengünstig aus einem Guss harten Polyethylens gefertigt, mit einer Platte aus weichem Polyurethan, wie ein gigantisches Mousepad, gedeckt – beides in fünf Farben erhältlich –, bietet BaObab bei 1 500 Euro Ladenverkaufspreis ein unschlagbares Design-for-Money-Verhältnis. Starck bleibt eben stark.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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