Tumminellis Designkritik
Autoträume aus Japan

Auf der Los Angeles International Auto Show präsentierte Honda den FCX Clarity – ein serienreifes Brennstoffzellenfahrzeug, das bereits im nächsten Jahr auf den Markt kommen soll. Doch was sich wie ein Traumkonzept anhört, enttäuscht bereits auf den ersten Blick.

The power of dreams. Das Claim klingt so fabelhaft und vielversprechend, wie jeder andere Werbespruch auch. Im Fall Honda bedeutet der Satz aber mehr als das, was die ziemlich unauffällige Automobilflotte mit einem bescheidenen Marktanteil von 1,4 Prozent in Deutschland vermuten lässt.

Wenn es auf der Welt wirklich eine Fabrik der Träume gibt, dann heißt sie Honda. Wie kein anderer Konzern bieten die Japaner eine extrabreite Palette von Produkten – einerseits Motorräder, Autos und Quads, andererseits Rasenmäher, Außenbordmotoren und Generatoren. Wem das zu langweilig ist, schaut sich lieber den Asimo (ein humanoider Roboter) oder den Hondajet (ein süßes Düsenflugzeug) an.

Bei den Autos steht der Civic stellvertretend für Hondas Designstrategie. In der Geschichte des Konzerns gibt es aber keine Spur von vertikaler Produktkontinuität, wie man sie zum Beispiel von Volkswagen und Mercedes kennt. Jede der acht Civic-Modellreihen folgte einem anderen Konzept, so dass je nach Markt und Modell der Erfolg sehr unterschiedlich ausgefallen ist.

Man könnte behaupten, diese Freiheit sei genau das Gegenteil dessen, was man braucht, um eine Marke aufzubauen. Denn Marken basieren auf Kontinuität. Und tatsächlich herrscht keine einheitliche Meinung über Honda, was aber nicht unbedingt von Nachteil ist. Denn Kontinuität – wenn auch nur auf stilistischer Ebene – ist schwer mit Zukunft vereinbar.

In Los Angeles hat Honda den „FCX Clarity“ als Automobil der Zukunft vorgestellt – ein Wagen, der Hondas Technologievorsprung gegenüber sämtlichen Wettbewerbern verdeutlichen soll. Honda will im Sommer 2008 zu einer monatlichen Leasing-Rate von 600 US-Dollar eine zunächst limitierte Auflage des Wagens auf den Markt bringen, dessen Elektromotor ausschließlich mit Energie aus Wasserstoff bewegt wird. Mit Batterien zur Speicherung von Bremsenergie flankiert, soll das Auto eine Reichweite von über 400 Kilometern erzielen.

Um das Problem der Versorgung zu lösen, bietet Honda gleich eine private Tankstelle dazu – als integrierte Lösung kann sie in jedem Haus aus Erdgas Wasserstoff und so gleichzeitig die notwendige Energie für Heizung, Strom und Autofahren erzeugen. Was sich wie ein Traumkonzept anhört, enttäuscht bereits auf den ersten Blick. Der Clarity nimmt die pseudofuturistische Form des Toyota Prius voll und ganz auf und bläst sie auf über 4,8 Länge und 1 600 Kilo Gewicht auf – für nur vier Personen mit wenig Gepäck. Das ist zu viel Masse für zu wenig Klasse. Bei herausragender Technik mag zwar die Ästhetik eine wenig wichtigere Rolle spielen, trotzdem wird aus diesem Stoff kein Traum werden.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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