Tumminellis Designkritik
Baden in Design

Tchibo präsentiert im Rahmen einer Kooperation mit Vater und Sohn Conran aus London eine bunte Design-Badewelt von der vor allem die Klobürste und der Seifenspender in Erinnerung bleiben werden.

Dienstag ist Tchibotag: 52-mal im Jahr eine neue Welt, die designt werden will. Eine gigantische Aufgabe für die Kreativen des Planeten. Trotz allen Bemühungen, richtig berühmt wurde Tchibos Produktuniversum nie.

Die sauber konzipierte, bundesweit allgegenwärtige Marke TCM, unter der man so ziemlich alles findet, was brauchbar ist, wirkt inzwischen etwas müde. Auch der treueste Kund kriegt irgendwann Lust auf eine wahrhaftig neue Welt - und geht woanders einkaufen.

Weil die Absatzentwicklung der Tchibo-Filialen in den letzten Jahren einige Wünsche offen ließ, wurde eine Marktoffensive geplant. Gewichtige Designer wurden beauftragt, neue Welten zu kreieren. Das Moderegal bekam Michael Michalsky. Seine Idee einer Basics-Kollektion war tatsächlich gut. Doch die prominente Marke "Mitch & Co." verkaufte sich nur schleppend.

Wie kommt Tchibo auf die Idee, eine Modemarke auf die Schnelle etablieren zu können? Der Kaffeeladen um die Ecke hat nicht die Anziehungskraft von Zara oder American Apparel. Egal wie schick und oder günstig die Produkte sind, die anvisierten jungen Kunden wollen nicht, dass man sieht, dass sie ihre Mode dort kaufen, wo die Oma die Kaffeebohnen her hat.

Das Designregal wurde an keinen geringeren als Terence Conran vergeben - wobei der 78-Jährige gemeinsam mit Sohn Sebastian firmiert. Trotzdem: Die wenigsten Deutschen dürften ahnen, was man über Conran wissen sollte.

Der geniale Designunternehmer gründete in den 60er Jahren das Einrichtungshaus Habitat und trug maßgeblich dazu bei, den Geschmack des britischen Volkes zu modernisieren. Noch vor dem Verkauf von Habitat an Ikea 1990 verstand es Conran, Design in eine erlebbare Dimension zu steuern. Im renovierten Michelin House in Chelsea baute er den ersten von mittlerweile acht Conran-Shops und obendrauf das Restaurant Bibendum. Heute besitzt seine Firma D&D über 20 Top-Restaurants in den Weltmetropolen.

Wo Conran ist, da passiert was. Der Relaunch des Viertels um Notting Hill hat er durch kluge Immobilien-Investitionen beeinflusst, noch bevor Julia Roberts und Hugh Grant für den gleichnamigen Film engagiert wurden. Sir Conran als Lizenzgeber und Testimonial für eine fremde Produkt-Kollektion zu gewinnen, dürfte das teuerste sein, was ein Unternehmen kaufen kann.

Mal abgesehen davon, dass der Multimillionär (geschätztes Privatvermögen 1996: 80 Mill. Pfund) kaum Zeit und Lust hatte, sich persönlich mit Badematten und Zahnbürsten fürs deutsche Badezimmer zu beschäftigen, bleibt die Frage, ob die Marke "Designed by Conran" von Tchibo-Kunden gewürdigt werden kann.

Aber wie wichtig ist das? Nach Conrans Theorie ist der Designername unwichtig, weil der Kunde der Retailmarke vertraut - dem Tchibo-Management dürfte das egal sein. Was Designkenner unter Conran bei Tchibo finden, ist eine schnelle und unstimmig bunte Zusammenstellung aus scheinbar umlackierten TCM-Gegenständen. So wundert es nicht, dass keine der Conran-Websites das Tchibo-Projekt erwähnt.

Wenn das deutsch-britische Designventure in Erinnerung bleibt, dann lediglich Dank zweier Ausnahmen: Klobürste und Seifenspender - zusammen für 23,80 zu haben - sind die besten Produkte, die je ein Designer schuf - egal welcher.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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